ArtMaidan: Wie ein Maidan aus einer europäischen Hauptstadt ins Übersee geschafft hatte

Created by Kseniya Fuchs & Julia Marushko |

Während der Maidan-Proteste im Jahr 2013 wurde die deutsch-ukrainische Kulturorganisation ArtMaidan in Hamburg ins Leben gerufen, die Kunst gegen das Vergessen einsetzt, und welche zu einer der bekanntesten Kulturinitiativen Norddeutschlands wurde. Ihre Gründerin ist eine ukrainische Künstlerin, Lehrerin an einer Waldorfschule und Aktivistin aus der ukrainischen Stadt Luzk — Julia Maruschko.

Alles begann im Jahr 2013, als die leidenschaftliche Ukrainerin nach Deutschland kam, um in einer Waldorfschule ein Praktikum zu machen und Lehrerin zu werden. Danach zog sie nach Hamburg um mit dem Ziel, später eine Waldorfschule in der Ukraine zu eröffnen. Doch kurz nach Julias Umzug nach Norddeutschland flammte Euromaidan in der Ukraine auf.

„So kam es, dass mein Geburtstag — der 20. Februar — auf den blutigsten Tag in Kyjiw fiel, was mich noch stärker an diese Ereignisse gebunden hat“, gibt Julia zu. — So wurde ich dank meiner Arbeit an den „Tagebücher von Maruschko“ zu der Chronistin der Revolution der Würde und somit der neuen Ukraine.“

In Solidarität mit den ukrainischen Demonstranten gründeten Julia zusammen mit Till Andreas Dunkel den ukrainisch-deutschen Kulturverein ArtMaidan. Im Rahmen der ersten Vereinsinitiative schafft die Künstlerin rund 150 Werke — eine künstlerische Chronologie der modernen ukrainischen Geschichte.

Kurz danach arbeiteten die Gründer von ArtMaidan aktiv daran, die ukrainische Kunst in Norddeutschland zu fördern. Dank ArtMaidan haben die Hamburger eine facettenreiche zeitgenössische ukrainische Kultur entdeckt: von ukrainischen Filmen im Metropolis-Kino im Herzen der Stadt über das Festival ukrainischer Musik auf dem Schiff „MS STUBNITZ“ bis hin zu Konzerten ukrainischer Bands wie Panivalkova und Haydamaky.

Ein besonderes Kulturereignis war das Projekt „Kontrobanda“ an — deutsch-ukrainische Abende mit ukrainischer Gastronomie und Live-Kulturprogramm, an welchen monatlich mehr als 100 Besucher teilnahmen.

„Für die Deutschen haben wir damit einen Ort geschaffen, an dem sie die ukrainische Gastfreundschaft spüren und die Ukraine verstehen könnten. Für die Ukrainer wurde es zum ukrainischen Mittelpunkt in der europäischen Kulturmetropole“, sagt Julia.

Laut Julia wurde der Krieg in der Ostukraine zum Hauptfokus ihrer politisch geprägten Herangehensweise an Kunst. Ihr anderes Projekt „Anastasis“ (aus dem Griechischen — Auferstehung) zeigt eine Installation aus 24 Gemälden. Die Ausstellung basiert auf den Fotos von Soldaten aus dem alten privaten Fotoarchiv der Künstlerin. Durch die Gemälde versucht die Künstlerin die Wiederholung der Geschichte zu symbolisieren, den unausweichlichen Wiederkehr des Krieges. Und mit Hilfe bestimmter Musik und Lichter erinnert uns die Künstlerin an die Realität, in welcher täglich Menschen sterben. „Anastasis ist eine Ausstellung für diejenigen, die noch warten“, sagt Marushko. Im Laufe der Jahre entstand aus diesem Projekt eine Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Designer Makar Tsypan. Der Designer verwendete Julias Motive für Design von Schals, Hemden und Kleidern.

Kultur und Bildung bleiben jedoch die Hauptthemen von ArtMaidan. „Ein Maidan in einer europäischen Hauptstadt hat genug Sprengkraft, um ins Übersee zu gelangen“, schrieb 2016 Julia in ihrem Buch „Butterfly Evolution“. Sie betrachtet Revolution als eine Art Evolution, in der Kunst stärker als Waffen ist, und in der freie Schulen der Schlüssel zu einer freien Gesellschaft sind. Heute widmet Julia viel Zeit dem Unterricht. Denn 5 Jahren nach den ersten Waldorfseminare eröffnete sie zusammen mit den Gleichsinnigen im September 2020 die erste Waldorfklasse in ihrer Heimatstadt Luzk.

Während die Türen von ArtMaidan wegen Quarantäne geschlossen bleiben, schreibt und illustriert Julia Kinderbücher. Gleichzeitig betont sie: „ArtMaidan ist immer offen für die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und bereit für neue Projekte — denn das Interesse der Deutschen an der Ukraine wächst ständig!“


Manifest von ArtMaidan

  1. ArtMaidan sind Ukrainer im Ausland, die den Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung in den Ländern aufbauen, in denen sie sich befinden.

  2. ArtMaidan ist der Aufbau neuer Projekte und die gemeinsame Arbeit mit den bestehenden Kulturinstitutionen in den europäischen Städten und in der Welt.

  3. ArtMaidan ist die Vorstellung der Ukraine im Ausland durch Kunst und Kultur.

  4. ArtMaidan ist die Unterstützung jedes einzelnen Aktivisten in der gegenwärtigen Situation in der Ukraine, aber auch die Verdeutlichung der zukünftigen Bedrohungen und Gefahren für das ganze Land.

  5. ArtMaidan ist der künstlerische Weg der Unterstützung aller Leute, die in dem unabhängigen Land namens Ukraine inmitten Europas für ihre Rechte und ihre Freiheit auf die Straßen gingen.

  6. ArtMaidanist die Unterstützung des EuroMaidan, also der Proteste, die am 21. November 2013 begannen.

  7. ArtMaidanst der Dialog mit den Leuten, die bereit sind, zuzuhören und zu verstehen.

Back
Foto: Berry Behrendt
Marushkas Tagebuch - Himmlische Hundert Foto: Svitlana Shapoval
Foto: Berry Behrendt
Anastasis - Artfashion Collaboration - MAKI
Anastasis - Artfashion Collaboration - MAKI