Bad Roads: Ukraines Oscar-Beintrag 2021 ist ein düsteres Diorama des Lebens in einem Kriegsgebiet in vier Akten

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Natalya Vorozhbit, eine ukrainische Dramatikerin, macht mit Bad Roads einen holprigen Übergang in die Welt des Spielfilms. Vorozhbit wurde sowohl in der Ukraine als auch in Russland ausgebildet und verfügt über Erfahrung im Schreiben für Fernsehen und Theater. Sie ist ein Paradebeispiel für eine Künstlerin, die an ihrer bisherigen erfolgreichen Erfahrung arbeitet, anstatt sie beim Betreten eines neuen Terrains abzuwischen. Ihr Regiedebüt Bad Roads ist ein spannender, tiefer Einblick in die verschiedenen Arten, wie Krieg Menschen korrumpiert. Der Film spielt Entlang der Frontlinie im Donbas und bewegt sich durch die vier Geschichten von Kollateralschäden an Kindern, Frauen und älteren Menschen im Angesicht des überlangen Krieges.

Die erste Geschichte beginnt mit einem Mann, der an einem Blockposten festgehalten wird, weil er ohne Ausweis reist. Die Soldaten stellen das Verantwortungsbewusstsein des Mannes in Frage, während er ihre Integrität in Frage stellt. Die zweite Geschichte konzentriert sich auf drei Mädchen im Teenageralter, die über die Vorteile Soldaten zu daten sprechen, und die Großmutter von einem dieser Mädchen, die sich bemüht, sich um ihre einzige lebende Verwandte zu kümmern, die zu schnell erwachsen wird. Dann geht der Film in das dunkelste Kapitel, manchmal schwer zu ertragen sind die Szenen wo eine Journalistin von einem Militanten gefangen und angegriffen wird. Der Abschnitt gipfelt in der Geschichte eines alten Dorfpaares, dass ihre unerwartete Macht über einen schuldigen Großstadtreisenden ausübt.

Der Film wird durch das Thema eines echten Krieges in Ukraine zusammengehalten, aber anstatt auf zentrale Momente dieser siebenjährigen Tortur zu zoomen, konzentriert sich ‘Bad Roads’ auf die Interpretation von Geschichten über den Krieg, gehört von der Autorin. Dies verleiht der Geschichte eine universelle Anziehungskraft, da wir uns vorstellen können, dass die Botschaft des Films, dass der Krieg Menschen zu Monstern macht, außerhalb seines unmittelbaren Donbas-Kontexts relevant ist. Diese Unsicherheit schwächt jedoch die Wirkung des Films als Geschichte über Ukraine und kann sogar die echte Last diesen Krieges auf die Menschen entpersonalisieren.

Schuld daran ist zum Teil die Entstehungsgeschichte des Films. Bad Roads ist eine Adaption eines Theaterstücks, das in 2017 international mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Der Film war mehrere Jahre in Arbeit und wurde 2020 auf der Internationalen Woche der Filmkritik in Venedig uraufgeführt, mit einem Festival und nationalen Kinostart 2021. Dieser lange Weg zur Leinwand hat die Geschichte noch weiter von der Sichtweise und Wahrnehmung des Krieges in Ukraine und der Darstellung in den westlichen Medien entfernt. Die ausgeprägte Theatralik des Films bildet eine Abgrenzung zwischen der Geschichte die der Film erzählt und dem Zuschauer.

Eine starre Kamera, die an Ort und Stelle ruht, macht den Filmzuschauer zum Theaterbesucher und beraubt einige ansonsten kraftvolle Szenen der emotionalen Wirkung, die ein Wechsel zwischen den Ebenen oder die Fokussierung auf einen Blickwinkel hervorrufen kann. In der dritten Geschichte macht dieser Ansatz die Szenen der anschaulichen sexuellen Übergriffe noch schwieriger, da die gewalttätigen Handlungen eher so aussehen, dass sie vom Folterer für sein YouTube-Kanal gefilmt sind, und nicht wie eine Geschichte über den Missbrauch einer Frau durch einen geistesgestörten Soldaten. Die inkonsistente Farbpalette ist auch eine verpasste Chance, den Film zu einem stimmigen Ganzen zu machen: Es geht von Sepia, über Netflix-Dunkel, bis hin zu künstlich beleuchtetem Bühnenbild.

Mehrere formale Aspekte tragen zu diesem „uncanny Valley“-Eindruck bei, den die Geschichte vermittelt. Mit den beiden Ausnahmen der jugendlichen Amateurschauspielerinnen in der zweiten Geschichte haben alle Darsteller einen bedeutenden Theaterhintergrund. Man könnte sagen, dass sich dies in der Art und Weise zeigt, wie sie den Dialog führen: mit übertriebener Ausspreche und sehr korrekten Grammatik. Während Vorozhbits Text gut ist, kann er in Zeiten, in denen die Position der Kamera oder Montage uns viel mehr sagen könnte als ein langer Monolog, nicht perfekt auf den Bildschirm übertragen werden. Ihre Meisterschaft als Dramatikerin überschattet in diesem Fall ihr Potenzial als Regisseurin und entmutigt eine stärkere Verbindung der Zuschauer mit der Geschichte.

Gleichzeitig betritt Bad Roads mit diesen vielen Verweisen auf den Theaterraum ein spannendes Neuland, da es nicht mit Hinblick auf den Kinostart aufgenommen wurde (das in COVID-19 zu einer normalisierten Praxis geworden ist). Etwas fehlt dem Film jedoch, um als Kunstwerk für sich allein zu stehen. Der Film hat zwar einige Schwächen, gewinnt den Zuschauer aber mit der einzigartigen Kraft des Theaters, sorgt durch Pausen und sorgfältig strukturierten Handlungsablauf für Spannung. In dieser Hinsicht sind die erste und die letzte Geschichte brillant. Sie locken den Betrachter mit einem ereignislosen und sehr banalen Setting und liefern dann eine Wendung, die nicht nur die Action belebt, sondern bringt die Betrachter dazu, alles was sie sehen, in Frage zu stellen.

Vorozhbits Film ist besonders gut darin, die Grenzen der Moral zu verwischen und die Macht über von einem Protagonisten üben den anderen wie einen Taktstock zwischen den Figuren zu übertragen. Ihr Regiestil ist vielversprechend, da es ihr gelungen ist, das Thema des Stücks - eine existenzielle Suche nach dem, was die Menschlichkeit und ihre Fragilität ausmacht, zu bewahren und von der Bühne auf die Leinwand zu bringen. Ich freue mich darauf zu sehen, wie sie in ihrem nächsten Spielfilm die nötigen Bolzen und Schrauben in die Hand nimmt und ob sie es schafft, ihr Talent vollständig von einem Medium auf das andere zu übertragen.

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© Kristi Films
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