Der Charme des Vergessens: Lost Places in Ostdeutschland

Created by Daria Poludyonna |

Die Architektur Ostdeutschlands repräsentiert eine Vielzahl unterschiedlicher Stile und Epochen. Ehemalige DDR-Exponate verwandelten sich in eine Art vergessene Welt, die heute durch ihre Geheimnisse Touristen anzieht. Verlassene Industrieanlagen, Fabriken, Krankenhäuser, Hotels, Villen und Parks bewahrten ihre Einzigartigkeit und haben ihren Platz auf der Bucket-List der sogenannten Urbexer gefunden. Der Begriff “Urbex” oder “Urbexing” steht für Urban Exploration) und bedeutet Erkundung der Objekte im städtischen Raum und der sogenannten Lost Places. Nur wer einen besonderen Instinkt hat, wird bei solchen Erkundungstouren erfolgreich - denn Besuche von solchen Objekten nicht immer sicher und oft voller Abenteuer sind. Die Fotodokumentation und die künstlerische Verarbeitung solcher Stadterkundungen legten den Grundstein für das noch junge Genre der Fotografie Lost Places. Für unsere Leser haben wir unsere Top-3 zusammengestellt.

Alte Textilfabrik in Limbach-Oberfrohna, Sachsen

Die alte Textilfabrik in Limbach-Oberfrohna ist eines der beliebtesten Objekte für Urban Explorer. Erbaut in 1929 gehörte das Gebäude dem Textilbetrieb von Louis H. Schaarschmidt, der auch zu seiner Zeit sehr erfolgreich war. Durch die Ereignisse des XX. Jahrhunderts durchlebte der Betrieb zusammen mit dem markanten Gebäude mehrere Umwandlungen.

Leider musste der Produktionsstandort 1998 nun doch schließen, das Gebäude steht heute allerdings unter Denkmalschutz. Es sieht wie ein recht skurriles Museum aus: Man kann noch Arbeitsplätze und einzelne Stationen erkennen, es liegt noch Werkzeug herum und Spinn- und Nähmaschinen sind auch noch da ; so entsteht das Gefühl, dass hier erst gestern noch gearbeitet wurde.

Villa Kolbe

Villa Kolbe in Radebeul bei Dresden wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag von dem Chemiker Carl Kolbe im Stil eines deutschen Renaissanceschlosses erbaut. Seitdem hat sie einige Besitzer gewechselt. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient sicherlich die Geschichte der Familie Kohlmann, in deren Eigentum sich die Villa von ca. 1933 und bis in die 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts befand.

Nach dem Krieg diente das imposante Gebäude mit 66 Zimmern als Klinik, als Orthopädie-Praxis oder auch Behindertenwerkstatt. Villa Kolbe gilt als eines der komplexesten und architektonisch hochwertigsten Bauten in der Region - umso bedauerlicher ist, dass sie ebenfalls zu den Lost Places gehört, weil es laut einige Quellen Streitigkeiten zwischen der Stadt und der Eigentümergemeinschaft gibt.

Im Gegensatz zu anderen Objekten, die ein zweites Leben gefunden haben, befindet sich Villa Kolbe weiterhin im Zerfall. Sollte sich an dieser Situation nichts ändern, werden irgendwann die Fotografien alles sein, was von ihr übrig bleiben wird.

Leipziger Baumwollspinnerei

Die Baumwollspinnerei in Leipzig ist mehr als nur eine ehemalige Fabrik: Auf einer 10 ha Fläche entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine ganze Fabrikstadt inkl. Arbeiterwohnungen und der dazugehörigen Infrastruktur. 1907 galt die Fabrik als größte Spinnerei Kontinentaleuropas. Baumwolle wurde mit 240.000 Spindeln auf ca. 100.000 m² verarbeitet.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Betrieb eingestellt und das Schicksal des Areals hätte auch dem von Villa Kolbe folgen können. Jedoch wurde das Potential der Spinnerei in der Kunstszene schnell bewusst: So mietet die ersten Künstler hier ihre Ateliers und gaben der Fabrik ein zweites Leben. Als ein Zentrum der Kunstproduktion bekannt, gelang es der Spinnerei Ende 2004 die Aufmerksamkeit der Leipziger Galeristen auf sich zu ziehen.

Mittlerweile sind 13 Galerien und Ausstellungsflächen in der Spinnerei heimisch geworden und bilden gemeinsam mit den Künstlern und der gemeinnützigen Halle 14 einen „Kosmos der Kunst“, der weltweit seinesgleichen sucht. Kaum eine andere große Fabrikanlage, die kommerziell revitalisiert wurde, bietet ein derartig breites Angebot für ein kunstinteressiertes Publikum und bleibt dabei gleichzeitig Heimat für viele Künstler und andere Freiberufler. Diese vielen kreativen Bewohner beseelen eine authentische historische Fabrikanlage mit zeitgenössischen Inhalten.

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Baumwollspinnerfabrik Autor: Fred Romero
Baumwollspinnerfabrik Autor: Fred Romero
Villa Kolbe
Villa Kolbe