Der Raum, in dem die Gehörlosen leben

Created by Übersetzt von: Anna Gutsaliuk |

Heute ist Montag und ich bin gekommen, um meinen Sohn vom Kindergarten abzuholen. Er sieht mich durch die Glastüren, zeigt mit dem Zeigefinger auf sich selbst, legt dann beide Handflächen an sein Herz und zeigt dann auf mich. Ich antworte gleichermaßen. Mit solcher Gestik haben wir gesagt: „Ich liebe dich!“ Dies ist unsere geheime bzw. Gebärdensprache. Ich habe mich zufällig entschlossen, sie zu erlernen.

Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass es eines Tages jemandem das Leben retten könnte. Es stellte sich aber heraus, dass die Kenntnis von Gesten noch keinen Übergang zur Taubenwelt ist. Man muss sich an die Regeln und Funktionen erinnern, dann besteht die Möglichkeit, dass der neue Raum dir glaubt und dich akzeptiert. 

Über Kultur

Katja Khomenko, Architektin nach der Ausbildung, Gründerin der Gebärdenschule „Surdo“ in Odessa.  

Die Welt der Gehörlosen ist geschlossen. Das kann man dadurch erklären, dass es schwierig ist, in einen Vertrauenskreis einzutreten und Freunde zu finden. Es kann passieren, wenn einer der Gehörlosen sich für Sie verbürgt. Ich hatte Glück, aufgeschlossene Gehörlose zu treffen. Dies ist hauptsächlich die jüngere Generation. Sie sind mutiger als ihre Eltern und stehen unserer Welt freundlich gegenüber. Vor der Pandemie organisierten wir verschiedene Treffen, gingen mit Gehörlosen in ein Kunstmuseum, besuchten einen Botanischen Garten und veranstalteten Kajakfahrten. Aber auch solche interessanten Dinge war es nicht einfach umzusetzen! Einen Ausflug zu organisieren, auch wenn es kostenlos ist, und darauf zu warten, dass gehörlose Menschen dazu kommen, so funktioniert es leider nicht. Es bedarf einer „vertrauten“ Person aus der Welt der Gehörlosen oder einen vertrauenswürdigen Übersetzer, damit sie zu solchen Vermittlern werden.

Über Alltägliches

Es gibt einen Witz, in dem es darum geht, wie man zwei Gehörlose außereinanderbringt, die sich abends streiten - die beste Lösung ist dabei, das Licht auszuschalten. Es gibt viele Unannehmlichkeiten im Leben gehörloser Menschen, mit denen man sich befassen muss. Die Polizei oder einen Krankenwagen zu rufen, ein Bankkonto zu eröffnen - all diese Sachen sind ohne einen Gebärdensprachdolmetscher für Gehörlose nicht möglich.

Eine andere Situation, wenn eine Frau mit Hörbehinderung ein Kind bekommt. Das medizinische Personal weiß nicht, wie es mit einer Gebärenden kommunizieren soll, was manchmal zu tragischen Konsequenzen führen kann. Ein ähnliches Bild kann beobachtet werden, wenn einem gehörlosen Mann auf der Straße schlecht wird und die Menschen seine Hilferufe nicht verstehen. Sie denken, er sei betrunken oder verrückt. Sie haben Angst, sich zu nähern. Daher ist es verständlich geworden, dass die hörenden Kinder der gehörlosen Eltern (man nennt sie CODA – Children of Deaf Adults) von Kindheit an zu den Dolmetschern werden. Es ist schwer sich vorzustellen, wie viel Verantwortung diese Kinder tragen, weil sie tatsächlich Pfleger ihrer Eltern werden.  

Natalia Nekrylova - Fotografin, Buchhalterin und Übersetzerin für Gebärdensprache, CODA:

“Seit meiner Kindheit „schmore“ ich in einer anderen Welt. Darin gibt es viel Angst, Missverständnisse, manchmal Aggression. Menschen, die nicht hören, sind wie Pferde in Scheukappen: sie gehen nicht tief in den Inhalt von Dingen und Prozessen ein. Wenn etwas für sie nicht funktioniert, reagieren sie scharf darauf, sind sehr beleidigend. Ich erinnere mich, dass ich ab dem 4. Lebensjahr Übersetzerin war. Ich schämte mich nicht für meine Eltern, ich wollte einfach nicht Mitleid von anderen haben. Aber die Kenntnisse der Gebärdensprache hatte ihre Vorteile. Zum Beispiel, in der Schule, wenn einer von uns mit einer Freundin keine Hausaufgabe gemacht hat, half manchmal die Gebärdensprache dabei, herauszukommen und Vorschläge zu machen. Dank meiner Kenntnisse der Gebärdensprache habe ich jetzt einen interessanten Job. Ich arbeite als Gebärdensprachdolmetscherin."

Über Mythen

Katja Khomenko erzählt:

„Die Idee, dass mit Hörgeräten die Hörsituation erheblich verbessert werden kann, ist falsch. Das Leben mit einem solchen Hörgerät ist eine alternative Hörrealität, in der es viel unnötigen Lärm und Audio-Hindernisse gibt. Die Kinder tun grenzenlos leid, deren Eltern sie absichtlich zur Cochleaimplantation führen. Sie sind überzeugt, dass es das Kind zur üblichen Wahrnehmung der gewöhnlichen Welt zurückführt.”

Katja Suprunova, Übersetzerin, Lehrerin und Tutorin für Gebärdensprache, stimmt ihr zu:

„Nach meiner Erfahrung finden sich die Kinder dann sozusagen zwischen den Welten wieder, die nach der Installation eines solchen Implantats von spezialisierten Schulen für Gehörlose zu normalen Schulen wechseln. Der Kreis der Gehörlosen schließt sich für sie, und sich zu sozialisieren und zu lernen gleich mit allen hörenden Kindern können sie nicht. Leider fühlen sich solche Menschen im Laufe ihres Erwachsenwerdens im Leben übrig, was sich auf ihre Gesundheit und ihren emotionalen Zustand auswirkt.“    

Es ist auch ein Fehler zu glauben, dass es nur eine Gebärdensprache gibt, in der alle Gehörlosen auf der Welt kommunizieren können. Es gibt mehr als hundert Gebärdensprachen auf der Welt! Aber wenn schon eine Gebärdensprache beherrscht wurde, kommt Verständnis vermutlich von einer gehörlosen Person aus einem anderen Land.

Über Angenehmes

Katja Khomenko:

„In den drei Jahren der Existenz der Schule „Surdo“ haben wir mehr als 200 Schüler absolviert, die jetzt frei mit Gebärdensprache kommunizieren. Viele von ihnen werden selbst Freiwillige. Sie organisieren verschiedene Veranstaltungen, Theater für Gehörlose, helfen alten Menschen mit Hörbehinderungen im Alltag. Vor drei Jahren haben wir auch einen Gebärdensprachkurs für medizinisches Personal durchgeführt. Es ist schön zu wissen, dass sich Menschen für Gebärdensprache interessieren und sie für die Arbeit erlernen."

Katja Suprunova:

„Gehörlose Menschen sind sehr fröhlich und lieben zu reisen. Als ich zum Kongress nach Deutschland ging, gehörte zu unserer Gruppe eine 70-jährige gehörlose Frau, die immer fröhlich und energisch war. Eine wichtige Sache, die ich verstanden habe: um die Welt der Gehörlosen zu betreten, muss man in der Lage sein, über sich selbst zu lachen und seine Fehler nicht ernst zu nehmen. In der Welt der Gehörlosen hat jeder seinen Gebärdennamen. Es wird selbst von den Gehörlosen anhand der Besonderheiten im Aussehen oder einfach anhand eines abgeleiteten Wortes aus einem Nachnamen gegeben. ”

Tipps

  • Es sollen mehrere Filme über Gehörlose angesehen werden, darunter „The Sound of Metal“, „Das Land der Gehörlosen und „Hör dein Herz“.
  • Es sollen ein paar Gesten sowie „Guten Tag!", „Brauchen Sie Hilfe?" oder „Danke!" gelernt werden.
  • Haben Sie keine Angst und zögern Sie bitte nicht, gelegentlich gehörlose Menschen kennenzulernen.
  • Schließen Sie sich der Vereinigung der beiden Welten an und legen Sie beide Handflächen an Ihr Herz.
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Katja Khomenko, Gründerin der Gebärdenschule „Surdo“ in Odessa
Katja Khomenko, Gründerin der Gebärdenschule „Surdo“ in Odessa
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Katja Suprunova, Übersetzerin, Lehrerin und Tutorin für Gebärdensprache
Natalia Nekrylova - Fotografin, Buchhalterin und Übersetzerin für Gebärdensprache, CODA
Ніна Суховій