Deutsche Wurzeln im ukrainischen Boden

Created by Nadiia Telenchuk |

Laut Migrationsstatistik zieht es jährlich tausende Ukrainer aus ihrem Heimatland nach Deutschland. Doch die Bewegung in die andere Richtung gibt es auch: Jedes Jahr gibt es hunderte Deutsche, die in der Ukraine ihren neuen Lebensmittelpunkt finden. Einer davon ist Tim Nandelstädt, Landwirt, und damit einer der rund 50 Landwirte aus Deutschland in der Ukraine.

Im Jahr 2009 beschloss er zusammen mit seinem Freund Torben Reelfs, einem Traum nachzugehen, den viele nicht vermutet hätten. Beide haben in Berlin studiert und sammelten die ersten Erfahrungen beim Kartoffelanbau in Norddeutschland. So begann das Abenteuer — mit 4 Hektar gepachtetem Land, von Bekannten ausgeliehener Technik und viel Motivation.

Die Schwierigkeiten der Landwirtschaft in der Ukraine kenne ich aus erster Hand: Mein Vater ist Bauer. Mir war seit der Kindheit klar, dass die Vorliebe zum Land immer mit harter Arbeit verbunden ist. Deswegen wollte ich unbedingt mit Tim über seine Geschichte sprechen.

Der Weg in die Ukraine war nicht von Anfang an klar. Als die beiden jungen Landwirte in Deutschland gearbeitet haben, bekamen sie eine Einladung von deutschen Investoren, einen Betrieb mit beinahe 1000 Hektar in der Ukraine aufzubauen, weit mehr als die erwähnten 4 Hektar. Das Potential im Land wurde als sehr hoch eingeschätzt. Tim und Torben reisten durch das gesamte Land, um einen passenden Betrieb zu finden. In der Nähe von Ternopil fanden sie einen Kleinbetrieb, in den sie sich sofort verliebten. Doch war die Größe deutlich unter der geforderten Fläche. Die Investoren sprangen ab und die beiden Freunde beschlossen, den Betrieb mit eigenen Mitteln zu erwerben, dabei halfen Freunde und Familie. Die Traktoren dafür erwarben sie in Deutschland und importierten diese eigenständig in die Ukraine.

Zu Beginn versuchten sie es mit Biolandwirtschaft, von ihren deutschen Erfahrungen mit dem Anbau von Biokartoffeln in Norddeutschland. Da die Nachfrage nach biologisch produzierten Produkten in der Ukraine noch sehr gering war, mussten sie die Biolandwirtschaft wieder aufgeben. Auch die Betriebsstätte mussten sie wechseln, wegen Schwierigkeiten mit den Pachtverhältnissen.

Heute baut Tim zusammen mit seinem Geschäftspartner Weizen, Gerste, Raps, Mais, Soja und Zuckerrüben an. Dank der Vielfalt und dem Wechsel der angebauten Kulturen wird einerseits das wirtschaftliche Risiko minimiert, und andererseits — die Fruchtbarkeit des Bodens gefördert. Der Betrieb befindet sich in einem kleinen Dorf südlich von Lwiw. Die Menschen im Dorf haben die beiden Bauer oft unterstützt. Zuerst wurden die Neuankömmlinge kritisch beäugt, bis ihre Nachbarin, eine ältere Dame, bei einer Dorfversammlung gesagt hat: „Wenn er an meinem Apfelbaum vorbeiläuft, fragt er immer zuerst, ob er einen Apfel haben darf, und dann gebe ich ihm gern einen.“ Die ordentliche Arbeitsweise und der Lebensstil der Deutschen wurden gut angenommen.

Tim findet Menschen in der Ukraine viel offener und freundlicher als in Deutschland, ist in die Natur verliebt und verbindet viele gute Momente mit seiner Arbeit. Als wir sprechen, ist Tim gerade nach vier Monaten wieder in die Ukraine zurückgekommen und sagt mir: „In den letzten 12 Jahren war ich noch nie so lange von hier fort. Und jetzt genieße ich es wieder sehr, hier zu sein.“

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