Deutsches Czernowitz oder Europa im Miniaturformat

Created by Ludmyla Rogowa |

“Czernowitz ist eine erstaunliche Stadt”, sagen diejenigen, die sie zum ersten Mal besuchen. Hier fühlt man sich immer wie in eine andere Zeit versetzt, als wäre man in einer von Künstlern erschaffenen Stadt, in der Hausmeister mit Rosensträußen die Bürgersteige fegen. Czernowitz, dessen Fassaden als Lehrbuch europäischer Baustile gelesen werden können, hat es wirklich geschafft, den einzigartigen Geist des guten alten Europas zu bewahren. Für sie wurden bereits viele touristische Routen erstellt, und wir bieten eine weitere an: einen Spaziergang durchs “deutsche” Czernowitz.

Das Czernowitzer Stadtwappen zeigt ein offenes Tor, das “die Gastfreundschaft und die Offenheit des Orts für Zusammenarbeit symbolisiert". Ein einzigartiges Phänomen dieser osteuropäischen Metropole sind seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten die fünf nationalen Häuser der wichtigsten lokalen Volksgruppen: Deutsche, Polen, Rumänen, Juden, Ukrainer. Das Deutsche Haus, von dem aus unsere Route startet, ist vor allem ein Symbol des Gemeinschaftslebens der deutschen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier fanden die hochkarätigsten wissenschaftlichen Konferenzen und Abendveranstaltungen statt. Und jeder empfand es als große Ehre, zu diesen eingeladen zu sein – unabhängig von der Nationalität oder der Religion. Zu Sowjetzeiten erinnerte nichts mehr an den ursprünglichen Zweck des Hauses. Erst nach 1991 wurden mehrere Räumlichkeiten durch die neu gegründete deutsch-österreichische Organisation „Wiedergeburt“ wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Damit dient das Haus nun seit fast 30 Jahren erneut als eines der deutschen Kulturzentren der Stadt.

Die multinationale Atmosphäre trug mit dazu bei, dass Czernowitz der Welt eine Art literarische Schule schenkte und zahlreiche Schriftsteller auf einem flächentechnisch kleinen Raum arbeiteten: Paul Celan, Rosa Ausländer, Karl Emil Franzos, Georg Drozdovski, Gregor von Rezzori, Mihai Eminescu und viele andere. Es war ein Mikrokosmos mit einer hohen Kultur- und Sprachdichte. 2013 wurde hier das Paul-Celan-Literaturzentrum eröffnet – unsere nächste Station. In diesem wird gelesen und geforscht, mit viel Platz für Begegnungen, Diskussionen und Möglichkeiten zum Kennenlernen. Kurzum: ein Paradies für Literaturliebhaber und Kulturfreunde.

Die Eingliederung der Nordbukowina ins Königreich Rumänien nach dem 1. Weltkrieg beeinflusste alle Lebensbereiche in Czernowitz. In der Stadt wurde eine groß angelegte Kampagne „gegen das österreichische Erbe“ gestartet. Ins Visier der „Kulturkämpfer“ geriet z. B. das Stadttheater. So sabotierte im Januar 1922 eine Gruppe junger rumänischer Chauvinisten ein Theaterstück mit dem berühmten Schauspieler Alexandre Moissi, da sie glaubten, er sei jüdischer Abstammung. Darüber hinaus forderte man die deutsche Gemeinde zum Rückbau des Schiller-Denkmals auf. Es wurde in einem Trauerzug mit schwarzem Leichenwagen und Trauerwache auf das Grundstück des Deutschen Hauses überführt, wo ihm während der Sowjetzeit von Mitarbeitern der Kunsthochschule der Garaus gemacht wurde. Die Zertrümmerung hat lediglich der Sockel überlebt, wodurch sich im Hof ein Stück Geschichte buchstäblich mit der Hand berühren lässt.

Unser nächster Halt ist das Honorarkonsulat Deutschlands in der Ukraine -  Ausdruck der langen Geschichte kultureller und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Bukowina und Deutschland. Hier nur einige interessante Fakten dazu: Die Czernowitzer Region pflegt eine Regionalpartnerschaft mit dem Landkreis Schwaben in Bayern, die Nationale Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz hat drei Dutzend wissenschaftliche Partnerinstitutionen in Deutschland, und viele Projekte werden mit Unterstützung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) realisiert.

Die Einwohner von Czernowitz bereiten Gerichte vieler Nationalitäten zu, ohne groß darüber nachzudenken. Und natürlich gibt es in der Stadt auch Gelegenheit, die deutsche Küche zu probieren. Dazu schauen wir in einen gemütlichen Innenhof, wo sich das Restaurant „Knaus“ befindet. Würstle, Haxen und selbstverständlich original deutsches Bier werden dort gastfreundlich serviert.

Nicht weit davon erhebt sich in ihrer ganzen Pracht die römisch-katholische Kirche der Heiligen Kreuzerhöhung – die erste Backsteinkirche der Stadt, an der als dem ältesten religiösen Gebäude in Czernowitz ganze 27 Jahre lang gebaut wurde. Aufgrund von Fehlern und Mängeln bei der Planung und dem Bau stürzte der Kirchturm zweimal ein, brannte zweimal und soll sogar vom Blitz getroffen worden sein. Heute dient die Kirche sowohl der ukrainischen als auch den deutschen und polnischen Gemeinden zu Gottesdiensten.

Weiter geht’s zur Zankovetska-Straße und einer einzigartigen Geschichte über die Rettung der Czernowitz-Juden. Der Bürgermeister von Czernowitz Traian Popovici wohnte im Haus Nummer 8 und wird heute “bukowinischer Schindler” genannt, da er zu Beginn des 2. Weltkriegs unter Einsatz seiner Position und seines Lebens unglaubliche Anstrengungen unternommen hat, die jüdische Deportation nach Transnistrien zu verhindern. Dies wäre ihm zweifellos ohne die Hilfe eines deutschen Diplomaten, Dr. Fritz Schelgorn, der von 1934 bis 1944 deutscher Generalkonsul in Czernowitz war, nicht gelungen. Dieser überzeugte Rumäniens Diktator Marschall Antonescu, zumindest einen Teil der Juden in der Stadt zu lassen, worauf kurz danach Bürgermeister Popovici und Gouverneur Kalotescu die speziellen Genehmigungen unterschrieben, die Tausende von Czernowitz-Juden vor dem sicheren Tod bewahrten.

Unsere nächste Station, das Olha-Kobylianska-Theater, blickt auch auf eine schwierige Historie zurück. Es wurde 1904 bis 1905 durch Hermann Helmer und Ferdinand Fellner als ein Neorenaissance-Theater entworfen. Auf seiner Bühne war es damals möglich, Aufführungen europäischer Theatertruppen zu sehen. Nach dem 1. Weltkrieg, als die Bukowina Teil Rumäniens wurde, stand auch das Czernowitz-Theater unter rumänischer Leitung. Heute ist das Theater nach einer ukrainischen Dichterin benannt und bietet dem anspruchsvollen Publikum sowohl moderne ukrainische Stücke als auch klassische nationale und internationale  Produktionen.

Unser weiterer Weg führt an der ehemaligen lutherischen Kirche vorbei, die in der Sowjetzeit ihren schlanken Turm verlor. 1849 vom Architekten Josef Engel erbaut, war sie fast 100 Jahre lang Gottesdienststätte der Deutschen, die ab 1900 fast 93,4 Prozent aller protestantischen Evangelikalen ausmachten. Alles endete 1941, als die sowjetischen Behörden die Kirche den Bedürfnissen des NKWD-Regionalarchivs anpassten. Während des 2. Weltkriegs, Czernowitz war wieder rumänisch, übernahm das rumänische Verteidigungsministerium die Kirche, bis sie nach der erneuten Rückkehr der Sowjetmacht als Zentrum für wissenschaftliche und technische Information diente.

Wir beenden unseren Spaziergang im Zentrum “Gedankendach” – einem Raum für Wissen und Ideen, in dem interessante Projekte geboren werden und Studenten die Möglichkeit erwerben, ein Praktikum in Deutschland zu machen, oder ihre Deutschkenntnisse verbessern.

Unser Fazit: Als Europa im Miniaturformat zeigt Czernowitz deutlich, wie Menschen unterschiedlicher Kulturen, Glaubensrichtungen und Lebensanschauungen unter widrigsten historischen Realitäten Seite an Seite lebten und einander respektieren konnten.

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Illustration: Kateryna Dorokhova
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