Die Stadt, das man bewahren muss

Created by Galyna Koman |

Maria Kosakevytsch aus Iwano-Frankiwsk ist nicht nur eine ausgezeichnete Ehefrau und die Mutter von drei Kindern, sondern auch eine erfolgreiche Gründerin der bürgerlichen Organisation „Frankiwsk, das man bewahren muss“. Das Ziel des Projekts ist die Erneuerung der Architekturerbe ihrer Heimatstadt.

Maria, was hat Dich dazu bewegt, die Organisation „Frankiwsk, das man bewahren muss“ zu initiieren?

Ich war immer von der Geschichte begeistert. Ich nahm alles sehr ernst wahr, was in der Stadt passierte, da ich auch in der Stadtmitte aufwuchs. Erst mit der Geburt meiner eigenen Kinder wurde es mir wichtig , dass die Umgebung, in der sie aufwachsen werden, schön, gepflegt und sicher sein soll.

Wenn ich mit den Kindern spazieren war, machte ich sie oft auf die Hausfassaden aufmerksam. Als wir den Hausflur des jeweiligen Hauses betraten, bot sich uns die wahre Schönheit des Hauses: schön verzierte Fliesen, Wendeltreppen, Laternen und Stuckleisten. Man merkte schon einen Unterschied zwischen dieser prägnanten Architektur und dem Zustand, in dem sie sich befand. Die Kinder fragten mich: „Warum sind so schöne Türen mit verschiedenen Anzeigen und so vielen Spinnen beklebt? Und warum ist das Glas kaputt?“.

Wir erstellten auf Facebook eine Community mit dem Namen „Frankiwsk, das man bewahren muss“. Wir fingen an, uns mit den Menschen auszutauschen, denen die Zukunft ihrer Stadt nicht egal war. Und danach organisierten wir mit Hilfe einer lokalen Website einen Flashmob: Wir fotografierten einige bekannten Persönlichkeiten vor dem Hintergrund der alten Frankiwsker Türen, um die Öffentlichkeit und die Regierung auf die Probleme aufmerksam zu machen und die Häuser vor dem Zerfall zu schützen.

Die Restaurierung der alten Türen schien uns ganz logisch und gleichzeitig symbolisch, denn eine Tür ist der Eingang in jedes Haus. Sie ist auch eine Dominante jeder Fassade, ein Haupteingang in die Zukunft oder in die Vergangenheit.

Wie ist die Restaurierung der ersten Tür gelaufen?

Ich glaube, die Restaurierung der ersten Tür war emotional am schwierigsten. Gemeinsam mit den Tischlern überlegten wir uns eine einfache Variante. Bald danach bekamen wir Erlaubnis für unser Vorhaben von den Bewohnern der Häuser, die am Anfang etwas skeptisch waren: Es gab Fälle, bei denen Türen mit einer historischen Bedeutung ins Ausland verkauft wurden.

Mir ist natürlich klar, dass es unmöglich ist, alle Türen der Stadt zu erneuern. Ich freue mich aber, zu sehen, dass Andere von unserer Arbeit inspiriert werden und sich ebenfalls engagieren. Sie beauftragen auch ohne unsere Unterstützung Handwerker und lassen die Türen von ihren Häusern reparieren. Das ist eine der größten Veränderungen, die wir erreicht haben - die Veränderung der Wahrnehmung der Menschen in Bezug auf ihre eigene Stadt.

Maria, wie findest Du die finanzielle Unterstützung?

Obwohl mein Mann und ich ehrenamtlich arbeiten, müssen wir nach Unterstützung suchen, denn die Restaurierungsarbeit ist nicht gerade die günstigste. Eigentlich ist es unmöglich, die ganze Summe für die Restaurierung einer Tür zu finden. Am häufigsten erhalten wir Spenden von den Einwohnern, Unternehmen, engagierten Menschen aus den anderen Städten oder sogar aus dem Ausland.

Durch die Förderung, die wir von den lokalen und regionalen Behörden erhalten haben, konnten wir einige Türen retten. Manchmal schreiben wir in die Community, wenn wir nicht genug Geld gesammelt haben. Dann bekommen wir noch 100 oder 200 Hrywnjas. Da fühlt man diese enorme Unterstützung von  Gleichgesinnten und dadurch bekommt man auch positive Energie. Es gab auch Situationen, dass ältere Menschen mir auf der Straße begegneten und mir das Geld in die Taschen steckten. Dabei hieß es: „Das ist für die Restaurierung!“. Dann liefen sie schnell weg, damit ich ihnen das Geld nicht zurückgeben konnte. Ich verstehe, dass auch sie etwas für die Sache spenden möchten, weil es für sie wichtig ist. Das sind sehr emotionale und sensible Momente.

Dieses Jahr hast Du im Rahmen von „Karpatskyj Prostir“ (en. „Carpathian Space“) Dein neues Projekt „Iwano-Frankiwsk-Museum“ präsentiert. Was ist das Ziel dieses Projektes?

Unser Ziel ist zunächst, die Einwohner von Frankiwsk sich in ihre Heimatstadt verlieben zu lassen und sie zu inspirieren, die Geschichte ihrer Stadt zu lernen. Deshalb beschäftigt sich unsere Initiative nicht nur mit der Restaurierung alter Frankiwsker Türen, sondern auch mit der Popularisierung des respektvollen Umgangs mit der Architektur, indem wir verschiedene Aktionen, Flashmobs, Exkursionen, die Herstellung von Souvenirartikel,  Informationsstände mit praktischen Tipps für die Pflege alter Türen und Fenster sowie soziale Werbung an Big Boards organisieren.

Ich muss ganz oft wiederholen, dass wir nicht nur einfach die Türen „restaurieren“, sondern die historische Erinnerung der Stadtbewohner erneuern. Deswegen ist die logische Fortsetzung unserer Tätigkeit das erste Museum der Geschichte und der Architektur „Iwano-Frankiwsk-Museum“. Moderne Museen Europas und Asiens, die ich in den letzten Jahren besuchte, und in welchen  es sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder interessant ist, inspirierten mich, ein interaktives Museum zu gründen. 

Es ist egal, ob wir es wollen, die Stadt beeinflusst die Stadtbewohner und umgekehrt. Wenn einem Stadtbewohner seine Mitwirkung in der Stadt bewusst ist, und er seine Verantwortung fühlt, ist das die mächtigste Kraft unserer Entwicklung.

Ich hoffe, dass die restaurierten Türen, die bereits zum Symbol der Stadt geworden sind, und das neue Museum ihre Früchte tragen. Ich wünsche mir, dass Erziehung einer bewussten und nicht gleichgültigen Gemeinschaft die Sensibilisierung der Erwachsenen und der Kinder fördern wird, die ihre Stadt lieben werden. Denn, wenn wir etwas lieben, bewahren wir es auch.


 

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