Die Vielfalt des ukrainischen Münchens

Created by Kateryna Proskura |

Was fällt Ihnen zu München als erstes ein? Oktoberfest, Bier, FC Bayern sind die häufigsten Assoziationen! Hinzu kommen noch Schlösser und Weihnachtsmärkte … Ebenso zutreffend. Das Münchener Team des Projekts „Anderer Blickwinkel“ hat sich jedoch die ganze Vielfalt eines anderen – ukrainischen – Münchens angesehen. Es gibt tonnenweise Zeugnisse über verschiedene Ukrainer, die zu unterschiedlichen Zeiten in München lebten. Als Quellen dienten uns zahlreiche Publikationen, stundenlange Gespräche und tagelange Spaziergänge. All das lässt sich nur schwer in eine mehrstündige Route durch die Innenstadt integrieren, die für Stadtbewohner und Touristen gleichermaßen interessant ist. Doch wir haben unser Bestes gegeben und verraten Ihnen nun unsere spannendsten Entdeckungen.

Wir starten unsere Route im Stadtteil Schwabing, der oft als „Münchener Montmartre“ bezeichnet wird. Es ist nur ein Katzensprung von hier bis zur Uni und der Akademie der Bildenden Künste. Deswegen ist die Gegend von den finanziell eingeschränkten Studenten beliebt, die ihrerseits von den Repräsentanten der europäischen Kunstszene umgeben sind.

Halt machen wir jedoch am Gebäude des ersten Konsulats der Ukraine in Bayern in der Ainmillerstraße 35. Heute hängt dort eine Gedenktafel mit einer Trysub (Dreizack) und einem Porträt des Konsuls Vasyl Orenchuk. Er und zwei weitere Mitarbeiter waren einst für Bayern und Baden-Württemberg zuständig. Im Jahr 2021 kümmern sich mittlerweile 11 Mitarbeiter um das gleiche Territorium, in dem schließlich auch viel mehr Ukrainer als früher leben. In der nächsten Straße stoßen wir auf eine wunderschöne Reihe von Sonnenblumen. Schade, dass man sie nicht in unsere mobile App packen kann. Aber das alte Haus mit Stuck in der Elisabetstraße 13 nehmen wir gerne auf. In ihm befanden sich Wohnung und Werkstatt des weltberühmten ukrainischen Bildhauers Hryhor Kruk. Leider gibt es keine Gedenktafel. Noch nicht.

Weiter geht’s zur Hochschule für Fernsehen und Film, an der die ukrainische Regisseurin Darya Onyschenko studierte, deren Filme inzwischen auf internationalen Filmfestivals hoch gefragt sind.

Ein ganz spezifisches Thema in München ist der 2. Weltkrieg. Deshalb halten wir am NS-Dokumentationszentrum. In dessen Dauerausstellung erfahren Sie u.a viel zum Thema Zwangsarbeit, wenn auch kaum etwas über die Ukrainer. Schließlich wurden die meisten Menschen aus der Sowjetunion als “Russen” oder “Sowjetleute” bezeichnet. Über ihr Schicksal allerdings wurde ausgiebig geforscht. So geht es z. B. im Buch “Kiew-München-Kiew” um die junge Ljuba aus Kertsch, die zum einen den Optimismus während ihres Lebens in der Baracke nicht verlor, zum anderen jedoch später aus der UdSSR heraus versuchte, an diejenigen Menschen in Deutschland zu schreiben, die ihr beim Überleben geholfen hatten. Leider wurde diese Korrespondenz von der sowjetischen Regierung verboten. Unsere Teilnehmerin Svitlana, die sich mit diesem Schicksal intensiv beschäftigte, betonte, dass nur Ljubas Mutter über den Aufenthalt in Deutschland in allen Facetten Bescheid wusste. Ansonsten hätten ihrer Tochter öffentliche Verurteilung, Verhöre, Arbeitsplatzverlust gedroht. Klingt etwas seltsam heute, oder? Klarika, eine andere Projektteilnehmerin, erinnerte sich jedenfalls daran, dass auch ihre Großmutter einst nach Deutschland verschickt worden war. Und sie sprach zum ersten Mal darüber, als ihre Enkelin (damals die LMU-Studentin) zu Besuch nach Transkarpatien kam. Dies ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Geschichte in den Büchern nicht einfach die Sammlung der Ereignisse ist, sondern die Erfahrungen unserer eigenen Familien spiegelt.

Nächster Halt: die Bayerische Staatsbibliothek, in der sich die Teilnehmerin Khrystyna auf die Suche nach den ukrainischen Büchern im Katalog gemacht hat. Sie stellte fest, dass es sogar eine separate Sammlung namens “Ukrainika” gibt – etwa 110.000 Bücher ukrainischer Autorinnen und Autoren in verschiedenen Sprachen, aber auch Bücher über die Ukraine und ihre Menschen. Gleich daneben liegt die Akademie der Bildenden Künste, in der dem berühmten ukrainischen Maler und Pädagogen Olexander Murashko nicht nur der Anschluss an europäische Künstlerkreise gelang, sondern wo er mit Freunden auch so manchen Schabernack trieb. Einmal gab sich Murashko etwa als Vertreter der königlichen Familie aus und war so erfolgreich, dass die Münchner Polizei den “Ehrengast” sogar begleitete.

Setzen wir unsere Route durchs Münchener Zentrum fort. Zunächst zur Bayerischen Staatsoper, die zum Karriere-Sprungbrett für die weltbekannte Star-Dirigentin Oksana Lyniv wurde. Interessanterweise glänzten ukrainische Künstler mindestens seit den 1930er Jahren auf dieser Bühne. Der Tenor Rudolf Gerlach – geboren in der Ukraine als Orest Rusnak – war in ganz Europa populär, und die Münchner Presse behauptete, dass er “zu den Säulen gehöre, auf denen das Theater seine Opern gründe”.

Und jetzt gehen wir zum Marienplatz, um den Erzengel Michael an der Wand des Neuen Rathauses zu finden. Hier ist er – auf dem Wappen von Kyjiw, zusammen mit anderen Wappen der Partnerstädte von München. Erinnern Sie sich an die Weihnachtsmärkte am Anfang unserer Geschichte? In der Adventszeit findet man im Innenhof des Rathauses einen Stand mit ukrainischen Souvenirs.

Natürlich besuchen wir auch die Frauenkirche, und an einem der Buntglasfenster links finden wir das “Mädchen mit Hahn”: ein bayerischer Liebling, die heilige Edigna, die ein klösterliches Leben führte und in einer Linde nahe von München lebte. Sie therapierte Menschen und Tiere, lehrte Kindern das Alphabet, und der Legende nach war sie Tochter der Anna Jaroslawna und Enkelin des Großfürsten von Kyjiw, Jaroslaw der Weisen.

Wir orientieren uns jetzt entlang der Hauptstraße zum Karlsplatz. In der kalten Jahreszeit können Sie dort heiße Maronen verkosten und sich vorstellen, wie die ukrainische Schriftstellerin, Künstlerin und Journalistin des Münchner “Radio Swoboda” (wörtlich “Radio Freiheit”) Emma Andijewska dasselbe tat. Als Inspiration für ihr Gedicht “Eine Frau in der Fußgängerzone, die heiße essbare Kastanien verkauft”. 

Möchten Sie dem Thema unseres Spaziergangs noch etwas näher kommen? Dann herzlich willkommen im Münchener “Odessa”. So haben die gebürtigen Mykolajiwier Jurij und Julia ihren Laden für osteuropäische Delikatessen genannt. Es erwarten Sie ukrainische Pralinen und Torten, eingelegte Gurken und sogar das Buch “Ukraine kocht”. Und links von der Tür hängen normalerweise auch Poster von kulturellen Veranstaltungen der ukrainischen Gemeinde in München.

Es war für uns sehr spannend, an dieser Route zu arbeiten, und wir hoffen, dass Sie diese mit genauso viel Spaß und Neugier meistern werden.

 

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Illustration: Kateryna Dorokhova
Illustration: Kateryna Dorokhova
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