Durch Kunst über Ort und Zeit erzählen

Created by Viktoria Zagorodnikh |

Sollten Sie mal den Reuterweg im Zentrum Frankfurts entlang gehen und dann in die ruhigen Innenhöfe der Emil-Claar-Straße einbiegen, so werden Sie auf ein Glasfenster mit dem Namen „Dora Ostrovsky Art Hub Gallery“ stoßen. Seit zwei Jahren fördert eine junge Frau aus Iwano-Frankiwsk die ukrainische Kunst im deutschen Raum. Dora Ostrovsky ist das kreative Pseudonym der Tatyana Voytovych, einer Künstlerin, Regisseurin und Europameisterin in Taekwondo. Bunt, vielseitig, manchmal außergewöhnlich, ist diese Frau sowohl offen als auch leicht in ihrer Kommunikation.

Dora, wie bist Du eine professionelle Künstlerin geworden?

Meinen ersten Unterricht bekam ich von einer Frau. Sie gab mir die Freiheit, zu denken und mich nach dem Motto auszudrücken - "zeichne, was du willst!" Und ich war glücklich genau das zu zeichnen, was ich fühlte. Ich habe einen Abschluss in Sportmedizin und Rehabilitation gemacht und war in meinen letzten Studienjahren von der Malerei angezogen. Anfang der 2000er Jahre wurden Unterstützungsprogramme für talentierte Jugend angeboten. Ich habe mich beworben und ein Stipendium für ein Studium in Paris erhalten - an der Akademie des Beaux-Arts. 

Erzähl uns von Deiner Regie-Erfahrung

Eines Tages gingen meine Kameramänner und ich in die Westukraine, wo sich die Lehmhütte meiner Urgroßmutter befand. Wir hatten weder die Türschlüssel noch einen konkreten Plan. Es gab nur das Team: die Kameramänner, ich, meine Brüder und der Rasenmäher, den ich gekauft hatte, um das hohe Unkraut zu mähen. Wir sägten das Schloss ab und als wir die Räumlichkeiten betraten, waren wir erstaunt, dass alle Dinge - unter anderem die alte Truhe und sogar die Zahnbürsten - an denselben Stellen blieben, an denen sie vor vielen Jahren zurückgelassen worden waren. Den ganzen Tag haben wir das Haus von Schmutz, Staub und Spinnweben gereinigt. Ich habe mein Bestes getan, um diesem Ort Tribut zu zollen. So entstand der Film "Tribut", der aus insgesamt vierhundert Filme für das internationale Programm des Molodist Film Festivals ausgewählt wurde. Mein Film wurde in Deutschland, Frankreich, Großbritannien gezeigt und oft in der Presse beleuchtet. 

Und danach hast Du den zweiten Film gedreht?

Ja, er erzählt über die Installation "Determination" während des Maidan. Dieser Film ist wichtig, weil die Ereignisse darin sechs Tage vor dem Tod der himmlischen Hundertschaft stattfinden. Die Installation bestand aus hundert Kindermannequins , die in Gold gestrichen und am Fuße des ehemaligen Lenin-Denkmals gestapelt waren. Ich habe niemandem das Konzept der Installation erklärt - das Publikum sollte es für sich selbst interpretieren. Und es funktionierte: Passanten hielten an, begannen Dialoge miteinander zu führen. Es waren Tage der Ruhe vor den tragischen Ereignissen auf dem Maidan. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Installation zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort durchführen musste. Sowohl Künstler als auch Science-Fiction-Autoren antizipieren häufig bestimmte Ereignisse, fühlen intuitiv, wann und was sie schaffen und worauf sie ihre Zuschauer aufmerksam machen sollen. Die Installation dauerte bis zum Abend, und dann kamen die Mitarbeiter der kommunalen Dienste und bauten sie ab. Ich weiß immer noch nicht, wohin sie die goldenen Kinderpuppen hingebracht haben. 

Lass uns das Thema Werte aufgreifen: Eine Performance von Dir hieß "Verfolgung" und erzählte über das Streben nach einem luxuriösen Leben, oder? 

Genau! Ich arbeitete mit teuren Gegenständen - Louis Vuitton-Schal, Vivienne Westwood-Sandalen und einem Luchspelzmantel - und zeigte sie aus einer sehr unattraktiven Seite. Am Ende der Performance schnitt ich den Pelzmantel in Stücke und gab sie denjenigen, die sie wollten. Es ist sinnlos, Zeit damit zu verbringen, vorgetäuschte Werte zu verfolgen. Die Wahrheit liegt in ganz anderen Dingen. Und die Zeiten, die unser Land jetzt durchmacht, beweisen es deutlich. 

Stimmt es, dass die Dora Ostrovsky Art Hub Gallery für die Förderung der ukrainischen Kunst in Europa geschaffen wurde? 

Ja, das ist mein Ziel - dank meinen Möglichkeiten, das europäische Publikum über ukrainische Bildhauer, Fotografen und Künstler zu informieren. Dies ist auch eine Art Tribut. Natürlich liebe ich es auch, mit den ausländischen Künstlern zusammenzuarbeiten. 

Wie versteht das deutsche Publikum, dass die Arbeit ukrainischer Künstler Aufmerksamkeit verdient? 

Möglich wird dies durch eine breite Perspektive und eine vielseitige kulturelle Bildung, die in Deutschland gebührende Aufmerksamkeit erhält. 

Wie wählst Du die Autoren für Deine Galerie aus?

Ich wähle diejenigen aus, die ich für die besten halte. Ich suche nach ihnen gezielt bei den "Tagen der offenen Türe" im Frankfurter Künstleratelier, oder an der Leipziger Akademie der Künste. Ich mache eine Liste von Namen, die mich interessieren und biete den Besten eine Ausstellung in der Galerie. Meine neueste Entdeckung ist eine Künstlerin ukrainischer Herkunft - Natalia Bugay. 

Wie kann man in einfachen Worten die moderne Kunst erklären?

Die Philosophie der Gegenwart ist politische und soziale Kunst. Aktuell wird in der Dora Ostrovsky Art Hub Gallery eine Ausstellung ukrainischer Fotografen und Künstler “Vertigo Time” vorgestellt, kuratiert von dem Weltstart Boris Mikhailov - einem der Hauptvertreter der Kharkiv School of Photography. Er ist einer der wenigen Fotografen seiner Zeit, der in seinen Arbeiten das wirkliche Leben der Sowjetunion darstellte. Die Ausstellung erzählt vom Krieg in Donbass, wirft die Themen “Rechtspopulismus in Europa” und “Hass in der modernen Welt” auf. Meiner Meinung nach ist diese Ausstellung einen Besuch wert. 

Was ist das Wesentliche und absolut Notwendige in der Arbeit eines Künstlers?

Das Wesentliche ist die Qualität der Inhalte. Ehrlichkeit und Offenheit sind dabei die Hauptkriterien, welche den Zugang zur Kunst und den dahinter steckenden Ideen auch für die Zuschauer ermöglichen, die sich mit der modernen Kunst nicht auskennen. 

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