Erzähl mir ein Märchen oder freie Schulen sind der Schlüssel zu einer freien Gesellschaft

Created by Aus dem Ukrainischen von Kseniya Fuchs |

Laut dem Bund der Freien Waldorfschulen gibt es weltweit 1.214 Waldorfschulen (Stand Mai 2020). Die meisten von ihnen befinden sich in Deutschland (252), gefolgt von den Vereinigten Staaten (123) und den Niederlanden (115). 2014 erhielt die Waldorfpädagogik den Status eines offiziellen Bildungsprogramms in der Ukraine, und im August 2015 wurde auf Initiative der ukrainischen Künstlerin und Waldorfpädagogin Julia Marushko ein Waldorfprogramm in der ukrainischen Stadt Luzk ins Leben gerufen. 2020 wurde hier die erste Waldorfklasse geöffnet. Wir haben mit Julia darüber gesprochen, wie sie ihren Traum verwirklicht hatte.

Julia wurde in der Sowjetunion geboren, als Breschnew starb, unter Gorbatschows Regierung ging sie zur Schule und machte ihren Abschluss schon in der unabhängigen Ukraine. „Ich bin die Tochter eines Lkw-Fahrers und erinnere mich
gut an die Defizit-Zeit der 90er mit leeren Kühlschränken. Papa fütterte meinen Bruder und mich mit erfundenen Geschichten, indem er uns oft sagte, dass er auf dem Heimweg einen Hasen getroffen und diesem das ganze Essen gegeben habe.
Die Stimme meines Vaters, der uns ukrainische Volksmärchen vorliest, ist immer noch in meinem Kopf zu hören“
— teilt Marushko ihre Erinnerungen.

Seit ihrer Kindheit wollte Julia Lehrerin und Journalistin werden. Zuerst arbeitete sie als Radiomoderatorin und Autorin in ihrer Heimatstadt Luzk. Mit ihrem Traum, hier eine Waldorfschule zu gründen, flog Julia 2012 nach Deutschland. Gleichzeitig startete sie eine Kolumne in einer ukrainischen Lokalzeitung und berichtete wöchentlich über alternative Bildung und ihre Rolle für Kinder und das ganze Land. Doch die Revolution der Würde und der Krieg veränderten Julias Pläne.

Als Künstlerin wollte sie immer Kinder malen, stattdessen schaffte sie eine künstlerische Chronologie der modernen ukrainischen Geschichte, die rund 150 Werke umfasst (siehe Gelblau #19). Am 15. März 2015 starb im Krieg Wolodymyr Kotschetkow-Sukatsch, der ideologische Gründer der Waldorfpädagogik in Kyjiw. Sein Tod veranlasste Maruschko zum Handeln: „Ich kontaktierte Olena Killge, eine Waldorflehrerin, die ich vom deutsch-ukrainischen Schulaustausch kannte, und die Journalistin Iryna Kuninets mit der Bitte, ein Seminar in der Ukraine zu organisieren.” Olena Killge erinnert sich: „Nach Wolodymyrs Tod hatte ich einen tiefen emotionalen Drang, zu kämpfen. Als ich mich fragte, was ich tun könnte, um dieser schrecklichen zerstörerischen Kraft entgegenzuwirken, wurde mir klar, dass ich Schulen gründen sollte!“

Und schon im August 2015 fand in Luzk das erste Waldorfseminar statt. Dies war die erste anthroposophische Arbeit in der Stadt, die zeigte, dass die derzeit schwierige Zeit für die Ukraine auch der richtige Moment ist, von hohen Idealen aus zu handeln, mit Gedanken an die ganze Menschheit, und dass die Zeit für alternative Pädagogik gekommen ist. Aus diesem starken Impuls entstand die Luzker Waldorfinitiative, die 2016 der Vereinigung ukrainischer Waldorfinitiativen beigetreten ist. 

„All das — ohne staatliche Unterstützung und nur mit der Förderung meiner Freunde, Waldorflehrer aus Deutschland und der Schweiz, die in den folgenden Jahren in jedem Urlaub nach Luzk flogen, um die weiteren Seminare zu führen. Die Eltern waren davon begeistert und wir fanden noch mehr Unterstützung“, sagt Julia.

Heute ist die Waldorfpädagogik fest in Luzk verwurzelt. Hier wurden ein Waldorfkindergarten und ein Familienclub gegründet und 2020 öffnete ihre Türe die erste Waldorfklasse mit einem Gremium von Lehrern mit ukrainischer und internationaler Erfahrung. Der Interessentenkreis erweitert sich weiter und immer mehr Eltern bevorzugen heutzutage dieses Bildungsangebot.

„Mein Traum wurde verwirklicht. Die Zeit vergeht wie ein Video in TikTok. Viele Kinder verbringen ihre Kindheit nicht in malerischen Dörfern ihrer Großeltern, sondern in elektronischen Spielereien. Die Bitte eines Kindes „Erzähl mir ein Märchen“ wurde durch die Anforderung „Gib mir ein Like“ in Instagram ersetzt. Stattdessen hören die Kinder der „zweiten“ ersten Waldorfklasse in Luzk die ukrainischen und deutschen Volksmärchen. Die Ukraine braucht mehr freie Schulen. Denn freie Schulen sind der Schlüssel zu einer freien Gesellschaft. Was mich betrifft, so habe ich nach neun Jahren in Deutschland meine Stimme wiedergefunden und schreibe, illustriere und erzähle Märchen nun auch auf Deutsch. Und ich male endlich Kinder. Ich glaube, wir alle brauchen Märchen. Besonders in den dunkelsten Zeiten. Das kommende Frühjahr wird sehr schwierig sein. Dies ist der achte Frühling seit Beginn des Krieges, und das Wichtigste ist, den Glauben an Wunder nicht zu verlieren. Schließlich hat niemand eine Kriegskindheit verdient” 

UPD

Am 5. März 2022 kamen die Schüler:innen der Luzker Waldorfschule in Hamburg an. Julia Marushko in Kooperation mit aubiko e.V. (ein gemeinnütziger, eingetragener Verein und der Träger der freien Jugendhilfe) und Christophorus- Waldorfschule trafen 45 neu angekommene Ukrainer:innen und brachten sie bei Gastfamilien unter. Aber die Menschen kommen immer wieder weiter an.

„Nach den Frühlingsferien gingen die Kinder in die Schule. Für mich war es sehr wichtig, keinen einzigen Schultag zu verlieren. Heute befinden wir uns in der fabelhaften Waldorfschule, von der ich geträumt habe“, sagt Julia. Derzeit haben alle Lehrerinnen und Erzieherinnen, die vorübergehend in Hamburg sind, nur einen Wunsch: „Wenn der Himmel über der Ukraine wieder friedlich ist, lernen wir in unserer Heimatstadt Luzk mit voller Kraft weiter.“

Julia Marushko bedankt sich bei der Waldorfschule Christophorus-Schule Bergstedt und der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg, die in den Ferien allen Bedürftigen aus der Ukraine Unterkunft und Hilfe gewährt haben.

Über Julia Marushko: Journalistin, Künstlerin, Übersetzerin, Waldorflehrerin, Märchenerzählerin, Gründerin von ArtMaidan e.V. in Hamburg, Initiatorin der Waldorfbewegung in Wolhynien (Luzk, die Ukraine), seit Sommer 2020 — Vereinsmitglied vom Märchenforum Hamburg e.V.

Instagram @art.marushka

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© Julia Marushko