Kyjiw aus einem deutschen Blickwinkel

Aus einem solchen Blickwinkel haben Sie Kyjiw definitiv noch nicht betrachtet! Dank dieser Route werden Sie in das 18. Jahrhundert versetzt, als der Deutsche Johann Geiter die erste privat geführte Apotheke in der Stadt eröffnete. Sie lernen einen berühmten Stadtplaner kennen. Sie finden ein Stück der Berliner Mauer und erfahren, wo man in der Ukraine das bayerische Oktoberfest besuchen kann.

Unsere Route beginnt an einem gelben Gebäude, in dem sich das sogenannte Alchemisten-Zimmer – eine Museums-Apotheke – befindet. 1728 gelang dem Deutschen Johann Geiter hier eine Art pharmazeutischer Durchbruch, indem er die erste und für viele Jahre einzige privat geführte Apotheke der Hauptstadt eröffnete. Diente die staatliche Apotheke lediglich dem Militär, half der deutsche Einwanderer allen Kyjiwern, denn Medikamente brauchte schließlich jeder. Im August 1767 wurde in deren Räumlichkeiten sogar ein erster Gottesdienst abgehalten: Der Schwiegersohn des Apothekengründers  Georg Bunge war ein sehr frommer Mann und verwandelte das Gebäude mit Pillen und Salben gleich auch zum Zentrum der deutschen evangelischen Gemeinde. Die Türen der Apotheke standen allerdings der Allgemeinheit offen. Hier gab es für die Kundschaft Waren nach jedem Geschmack und für jedes Geldbeutel, z. B. teure Seife aus Olivenöl oder die billigere Alternative aus Hundefett. Und selbst nach Eröffnung des Museums im Jahre 1988 kann man immer noch die nach den alten Rezepten hergestellten Salben erwerben. Zuvor sollte man aber das Apothekenbuch aus dem Jahr 1834 bewundern, in dem die Namen der Medikamente, Rezepte und sogar die Preise jener Zeit aufgeführt sind.

Unser nächster Halt ist die Kyjiw-Mohyla-Akademie, in der seit 2007 das deutsch-ukrainische Bildungsprogramm “Deutschland- und Europastudien” angeboten wird. Das zusammen mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena entwickelte Programm bietet eine hervorragende Möglichkeit, das deutsche und europäische politische System intensiv kennenzulernen. 

Auf dem Weg zum Postplatz erwartet uns ein Denkmal für die erste elektrische Straßenbahn, das 1992 anlässlich des 100. Jahrestages ihrer Inbetriebnahme errichtet wurde. Diese Errungenschaft wurde dank dem deutschen Ingenieur Amand Struwe möglich, der u A. an der ersten Leitung für die Wasserversorgung in der Stadt beteiligt war.

Weiter geht’s zum Glockenturm der Sophienkathedrale – ein Werk des in Deutschland geborenen Architekten Gottfried Johann Schedel. Er wurde vom damaligen Kyjiwer Metropoliten Raphael Zaborovsky beauftragt, den Glockenturm und das Haus des Metropoliten nach zahlreichen Zerstörungen zu rekonstruieren.

Von dort führt unsere Route durch die Brunnen am Goldenen Tor, die Ende des 19. Jahrhunderts vom berühmten deutschen Architekten Alexander Schiele kreiert wurden. Ursprünglich hatten die Brunnen eine rein praktische Funktion: die Wasserversorgung in der Stadt zu verbessern. Später dienten sie als Pferdetränken. Heute trinkt keiner mehr aus den Brunnen, denn sie gelten als Denkmäler im Bereich der Park- und Gartenanlagen.

Nicht weit von den Brunnen auf der Straße Yaroslaviv Val, 3 befindet sich das Haus des Barons Steingel. Maxim (Magnus) Steingel war nach heutigen Maßstäben ein Beispiel für einen erfolgreichen Geschäftsmann. Er investierte in verschiedene Unternehmen in Kyjiw und fungierte als Vorsitzender der Kyjiwer Landbank. An diesem Ort befand sich seine Vinothek, in der Waren aus eigener Produktion verkauft wurden. Aktuell beherbergt das Gebäude im Stil des Spätklassizismus die Residenz des indischen Botschafters.

Am nächsten Standort lernen Sie Herrn Serhiy Witte kennen, einen gebürtigen Deutschen, auf dessen Initiative hin in nur einem Jahr die Süd-Westliche Eisenbahn aufgebaut wurde. Und natürlich führen alle Wege, zumindest durch das deutsche Kyjiw, zur … deutschen Botschaft. Rechts am Eingang fällt sofort ein Fragment der Berliner Mauer auf – derselben Mauer, die Ost- und Westdeutschland trennte. Anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls brachte man es vom Potsdamer Platz nach Kyjiw. Im Inneren der Botschaft wiederum befindet sich ein glasüberdachtes Atrium, in dessen Mitte ein Baum wächst – Symbol für die Fortsetzung des Lebens und die untrennbare Verbindung mit der Vergangenheit. 

Erinnern Sie sich noch an die Schiele-Brunnen und deren Funktion als Pferdetränken? Diese Pferde könnten Rogneda, Carmen oder Brunhilda geheißen haben. Ungewöhnlich? Keineswegs, denn das Kyjiwer Publikum liebte schon immer Opera und ist ein waschechter Fan des deutschen Genies Richard Wagner! Die Musik des Komponisten wurde noch zu seinen Lebzeiten auf der Bühne der Kyjiwer Oper – unserem nächsten Standort – uraufgeführt. Und Aufführungen seiner Oper "Tristan und Isolde" sind nach wie vor ausverkauft. Für das Gebäude des frisch renovierten Opernhauses fertigte der deutsche Architekt Victor Schroeter von 1898 bis 1901 mehr als 250 Zeichnungen und Skizzen an.

Die Teilnehmer:innen des Teams “Kyjiw” haben lange darüber diskutiert, wo die meisten Deutschen in der Stadt zu finden sind. Die Meinungen gingen jedoch auseinander, denn die Schevtschenko-Universität konkurriert mit der Botschaft um diesen Rang. Die Universität leiteten in ihrer Geschichte drei Rektoren deutscher Herkunft, und kurz nach der Gründung arbeiteten hier aufgrund des Lehrermangels einige Gemeindemitglieder der lutherischen Kirche. 

Verspüren Sie vielleicht schon etwa Hunger nach einer solchen Menge an Informationen? Dann seien Sie herzlich willkommen in "Natürlich" – einem gastronomischen Highlight auf unserer Route. Schwer zu sagen, wie viel Bier und Würstchen, Schnitzel, Brezeln und Haxen schon in dieser Kneipe bestellt wurden. Doch eines ist sicher: Wenn Sie von einem Oktoberfest-Besuch träumen und Bayern weit weg ist, dann sind Sie hier genau richtig! Jedes Jahr veranstaltet "Natürlich" ein Bier- und Brezelfest mit besonderem Menü und Ambiente. 

Nach dem Essen können wir nun über weitere geistige Nahrung nachdenken. Unser letzter Halt ist ein Ort, an dem deutsche Spuren unmöglich zu übersehen sind. Sogar die Durchgangsstraße heißt “Lutheranska” (“lutherisch”). An ihr liegt ein ehemaliges evangelisches Krankenhaus, das Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Geldern der deutschen Gemeinschaft finanziert wurde. Es gibt auch einige weitere Gebäude, die von den berühmten deutschen Architekten erbaut wurden und heute  noch erhalten geblieben sind. Einen Besuch wert ist auf jeden Fall die Katharinenkirche. Die dank dem Kyjiwer Kaufmann Heinrich Köln erworbene Orgel erklingt dort immer noch.

Alle Quizfragen und detaillierte Informationen zur Route sowie die Route selbst finden Sie in der mobilen Anwendung WalQlike. Laden Sie einfach die App herunter und erkunden Sie die ukrainische Hauptstadt aus einem anderen Blickwinkel!

 

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Illustration: Kateryna Dorokhova
Foto: Rostyslav Tschomko
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Foto: Rostyslav Tschomko
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Foto: Rostyslav Tschomko
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