Orient pur: Tausendundeine Nacht in Usbekistan

Created by Olga Potsiluiko |

„Alles, was ich über die Schönheit Samarkands hörte, ist wirklich wahr, nur mit einer einzigen Ausnahme: Es ist viel schöner, als ich es mir vorstellen konnte.“

Alexander der Große (4. Jahrhundert v. Chr.)

Wenn du auf einem großen Basar in Samarkand oder Buchara stehst und deine Augen schließt, glaube mir, du wirst das Gefühl haben, Hunderte von Jahren in die Vergangenheit gereist zu sein. Du wirst die Große Seidenstraße mit Karawanen aus Arabien, Persien und Mittelmeerregion sehen, du wirst orientalische Musik hören und kannst sogar pikante Gewürze sowie köstliche Gerichte riechen. Spürst du es? Du bist hier, in Mittelasien, im Mittelpunkt der Welt.

Schon der legendäre Eroberer Alexander der Große, der venezianische Händler Marco Polo und sogar der bedeutende deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe in seinem „West-östlichen Divan“ haben die Besonderheiten von Usbekistan zu würdigen gewusst. Daher war mein Interesse für dieses Land sofort präsent, als meine gute Freundin Lola mich und acht weitere Freunde in ihr orientalisches Heimatland Usbekistan in April eingeladen hatte. 

Für uns (eine Ukrainerin, zwei Spanier und fünf Deutsche), die unser ganzes Leben lang so gut wie keine Berührungspunkte mit der orientalischen Kultur hatten, hat sich eine komplett neue Welt geöffnet: Wir haben die Spuren der Seidenstraße gesucht, aber viel mehr gefunden.

Die Große Seidenstraße 

Usbekistan, dieses sonnige Wüstenland, ist insbesondere durch die mythologische Seidenstraße „The Great Silk Road“ bekannt geworden. Die Große Seidenstraße war vor vielen Jahrhunderten wahrscheinlich die berühmteste Handelsroute auf Erden. Sie durchlief die usbekischen Städte Chiwa, Buchara, Samarkand und Taschkent und brachte die asiatische und europäische Welt zusammen. Die begehrtesten Handelswaren waren damals Seide, was sich im Namen der Straße widerspiegelt, Wolle, Gold und Silber. Jahrhundertelang war diese Handelsstraße der religiöse, wirtschaftliche und kulturelle Mittelpunkt zwischen Ost und West.  Damit war unsere Reiseroute festgelegt: Die Seidenstraße entlang. Nun hatten wir 14 Tage um uns unser eigenes Bild von Taschkent, Samarkand, Buchara und Chiwa zu machen. 

Die Macht der Farben

Was zuerst auffällt, wenn man in Usbekistan landet, sind die atemberaubenden Farben. Bunte Sitzkissen, nationale kreative Ornamente, grelle Bekleidungen und leuchtende, persische Teppiche, die laut Einheimischen - fliegen können. Usbekische Frauen tragen bunte bodenlange Kleider. Man sagt, dass die auffälligen Muster und glänzenden Elemente auf der Kleidung gegen das Böse helfen. Die Frauen scheinen daran besonders fest zu glauben, wohingegen die Männer scheinbar keine „Hilfe“ von Außen brauchen, um das Böse zu bekämpfen. 

Gleiche Autos

Die Farbenfreude trifft wohl auf alles zu, außer auf die usbekischen Autos. In Deutschland, besonders in Stuttgart, ist es selbstverständlich, dass wir täglich unterschiedlichste Autofarben und -marken auf den Straßen sehen. In Usbekistan hingegen sieht man meistens weiße Fahrzeuge einer bestimmten Marke. Unser Taxifahrer hat uns erklärt, dass Usbekistan ein sehr heißes Land ist und sich daher die meisten Menschen beim Autokauf für die weiße Farbe entscheiden, um die Hitze nicht noch mehr anzuziehen. Außerdem meinte er, dass die Mehrwertsteuer für weiße Autos niedriger ist, im Vergleich zu anderen Farben. 

Hundert Schattierungen von Blau

Egal wo, wenn unsere kleine Reisegruppe in Samarkand, Buchara oder Chiwa angekommen ist, hatten wir alle einen Eindruck gehabt, dass man genau in Usbekistan das Buch „1001 Nacht“ geschrieben hat. Die Anzahl von prächtigen Moscheen, orientalischen Bauten und zeitlosen Mausoleen hat uns wirklich begeistert. Es ist unglaublich, dass so viele architektonische Meisterwerke blaue Farbe haben. Man hat uns erzählt, dass diese Farbe eine der ältesten Farben der Welt ist. Schon im alten Ägypten galt Blau als Farbe der Himmelsgötter, die lebensspendende Eigenschaften verleiht. Tatsächlich haben uns die hell- und dunkelblau schimmernden Medresen, türkise üppige Ornamente, die fantasievolle Fassadengestaltungen und Töne des Mitternachtshimmels wirklich verzaubert. Jeder Fan der Farbe Blau, so wie ich es bin, wird die zeitlose Architektur von Registan sowie Shohizinda in der „steinernen Stadt“ Samarkand genießen. Das Mosaik, die Majolika und die ornamentalen Fliesen und Platten werden uns noch lange in Erinnerung bleiben. Zum Teil kann man hochmoderne, aber auch postsowjetische Bauten, wie zum Beispiel in Taschkent, finden: Das ist ebenfalls ein Teil der Geschichte des Landes.

Usbekische Gerichte

Man merkt - auf dem Basar schlägt das Herz der Stadt. Die Frauen in bodenlangen Kleidern verkaufen uns orientalische Süßigkeiten. Die Männer in der traditionellen usbekischen Mütze - Tubeteika - winken uns freundlich zu, damit wir etwas probieren. Die Kinder lachen, die Vögel fliegen tief: Auf dem Basar ist immer was los.  Hier kann man wirklich alles kaufen - von den traditionellen Teeschalen Pialas bis hin zu den unterschiedlichsten Reissorten. Obwohl sehr viele Gerichte in Usbekistan mit Fleisch zubereitet werden, kommen auch Vegetarier auf ihre kulinarischen Kosten. Zwar essen Usbeken traditionell viel Fleisch und können den vegetarischen Lebensstil manchmal nicht nachvollziehen, aber wenn man freundlich fragt, stellt sich heraus, dass es viele Gerichte ohne Fleisch gibt. Die bekanntesten usbekischen Gerichte sind: Plov (deftiges Reisgericht), Lagman (Nudelgericht), Schaschlik (Kebab), Samas (gefüllte Teigtaschen) und Manty (Knödel). In Choyxona kann man Choy, also Tee, bestellen.

Herzensgute Menschen 

“Wie kann ich dir helfen, Schwester?” - habe ich zum ersten Mal auf einem Basar gehört. “Wie bitte?” - zuerst dachte ich, dass die Frage nicht an mich gerichtet war. Dann hat der freundliche Verkäufer mir erklärt, dass es in der usbekischen Sprache eine besonders respektvolle Redeform gibt. Alle Menschen sind füreinander Bruder oder Schwester. Damit wird jeder hier besonders respektvoll behandelt. Sogar der ein paar Jahre jüngere Bruder von Lola, Orif, benutzt eine Sie-Form, wenn er mit seiner großen Schwester spricht. 

Usbekische Menschen sind für ihre Gastfreundschaft und Offenheit bekannt. Es gibt fast keine Kriminalität in Usbekistan und Touristen sind immer herzlich willkommen. Unsere Reisegruppe hat die usbekische Gastfreundschaft besonders gespürt, als wir durch Lola ganz spontan zu einer traditionellen, muslimischen Hochzeit eingeladen wurden. Anschließend wollte uns Lolas Familie kennenlernen und hat uns mit einem 3-Gänge-Menü überrascht. Die usbekischen Menschen haben es im Blut - sie wollen nur das Beste für ihre Gäste. Lolas Familie hat sich sehr viel Mühe gegeben, damit wir uns in ihrer Heimatstadt Buchara wohl, satt und glücklich fühlen. 

Als wir Lolas frühere Schule besucht haben, wurden wir besonders herzlich empfangen. Wir haben erwartet, dass wir mit den Schülern einen kleinen Small Talk auf Deutsch halten, da hier die deutsche Sprache unterrichtet wird. Die Schüler haben aber nicht nur auf Deutsch mit uns gesprochen, sondern auch ein kleines Konzert auf Deutsch für uns vorbereitet. Sie haben sogar Gedichte von Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe auswendig vorgetragen, was heutzutage nicht mal in Deutschland üblich ist. Beeindruckend, oder? 

Wir haben die Spuren der Seidenstraße gesucht und haben viel mehr gefunden. Wir haben unglaubliche Menschen kennengelernt, bei denen Respekt großgeschrieben wird und die uns gerne Rede und Antwort für all unsere Fragen stehen. Es ist ein Land, in dem man die Hand aufs Herz legt, wenn man „Danke“ sagt. Es ist ein Land, in dem sehr viele Menschen mit uns Fotos machen wollen, da wir Europäer tendenziell groß, blond und so anders aussehen. Es ist ein Land, in dem man sich trotz einer komplett anderen Kultur sehr wohl fühlt. 

Bevor wir uns auf den Rückweg machten, haben wir uns vom Herzen bei allen für die schönen Erlebnisse bedankt. Unsere neuen usbekischen Bekannten haben uns empfohlen, noch mal im Herbst zurückzukommen, um Baumwollblüten zu sehen und um die berühmte usbekische zuckersüße Honigmelone zu probieren. Und wisst ihr was? Den Termin für Herbst 2020 habe ich mir bunt im Kalender markiert. 

Reisedetails & Key Facts:

Falls ihr euch für eine Reise nach Usbekistan entscheidet, hier sind ein paar wichtige Informationen dazu.

Beste Reisezeit: April – Juni, September – November
Beste Reisedauer: 2 Wochen oder mehr
Visum: 30 Tage visafreie Einreise für deutsche und ukrainische Staatsbürger
Geld & Währung: Die usbekische Währung heißt Soʻm. 100€ = circa 968.806,97 UZS. Wenn ihr Geld wechselt, erhaltet ihr ein riesiges Geldbündel. Nehmt deshalb am besten ein paar Gummibänder oder einen großen Geldbeutel mit.
Religion: Der Islam ist die Mehrheitsreligion in Usbekistan. 
Sprachen: Die Amtssprache ist Usbekisch. Man versteht auch Russisch, Tadschikisch, Persisch und zum Teil auch Türkisch oder Englisch 

Reise-Wortschatz: 

Hallo Salom
Tschüss – Xayr
Ja – Ha
Nein – Yo'q
Danke – Raxmat
Bitte Arzimaydi
Ich heiße … Meni ismim ...
Ich spreche kein Usbekisch Men O'zbekcha bilmayman

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