Stefanie Stegmann: “Die Autoren sind die Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen”

Created by Kseniya Fuchs |

Wir trafen uns mit Stefanie Stegmann, der Leiterin des Literaturhauses in Stuttgart, um die ukrainische Literatur im Kontext des deutschsprachigen Raums zu besprechen.

„Etwas in der Sprache ging kaputt, knackte wie das Eis auf dem Stausee im März und würde jeden Moment in unzählige schwere, scharfe Stücke brechen“, schreibt Serhij Zhadan in seinem Roman „Internat“. Genau diese Worte wählte das Stuttgarter Literaturhaus als Titel für die Veranstaltungsreihe über die Ukraine und Russland aus. Fünf bemerkenswerte Diskussionen mit osteuropäischen Autoren und Autorinnen, unter anderen mit Tanja Maljartschuk und Serhij Zhadan, fanden in Stuttgart statt. Und es gab keinen freien Platz zu finden. Wir trafen uns mit Stefanie Stegmann, der Leiterin des Literaturhauses in Stuttgart, um die ukrainische Literatur im Kontext des deutschsprachigen Raums zu besprechen.

Frau Stegmann, was verbindet Sie mit der Ukraine und wie ist es dazu gekommen, dass Sie zwei Jahre als Lektorin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst an der Universität Czernowitz gearbeitet haben?

Ich habe in Oldenburg studiert und promoviert und hatte dort eine sehr enge Freundin aus dem Kaukasus. Ich wollte sie unbedingt besuchen, hatte aber leider nicht genug Geld für den Flug. Mein Finger blieb einfach auf der Landkarte in der Hälfte der Strecke hängen - und das war eben die Krym. Ich stieg nur mit einem Rucksack in den Zug nach Odesa ein und dachte, dass ich nun die Ukraine anstatt Georgien anschaue. Diese Reise nach Odesa, und dann auf die Krym, berührte mich auf ganz verschiedenen Ebenen so sehr, dass ich dachte, wenn ich nach der Promotion noch mal ins Ausland gehe, dann nicht nach Paris, New York oder London, sondern nach Osteuropa und am liebsten in die Ukraine. Und das war tatsächlich der Fall. Nachdem ich nach meiner Promotion zwei DAAD-Ausschreibungen in der Ukraine gesehen hatte, in Czernowitz und in Donezk, bewarb ich mich dafür. Zwar studierte ich keine Slawistik und beherrschte keine der slawischen Sprachen, kam ich doch dank meinen Cultural Studies, meinem Feminismus-Engagement sowie diversen anderen Aktivitäten in die engere Auswahl, und landete so in Czernowitz.

Was konnten Sie aus Ihrer Arbeit in Czernowitz für sich mitnehmen? 

Ich konnte mitnehmen, dass wir viel zu wenig über den osteuropäischen Raum wissen, zumindest meine Generation. All das, was in diesen zwei Jahren passiert ist, die Geschichte der Ukraine, die Orange Revolution, die ganzen Stereotypen, die es gab, Ost-West-Unterschiede, das gefährliche Schwarz-Weiß-Denken war in Czernowitz viel gebrochener und heterogener. 

Ich nahm viele Erfahrung mit, auch im Literaturbetrieb. Wir versuchten seitens der Universität, die Geschichte und Straßen der Stadt zu erforschen und verarbeiten. Damals wussten nur wenige Stadtbewohner, wer Paul Celan ist. Sie wussten nicht, dass er eine sehr große Identitätsfigur ihrer Stadt ist. Viele wussten nicht, dass die ganze deutsch-jüdische Geschichte der Stadt einfach ausgelöscht wurde. Die Aufbereitung der Geschichte ging erst später los.

Wie kam es dann zu Ihrer Veranstaltungsreihe “Etwas in die Sprache ging kaputt…Ukraine & Russland. Literaturen, Politiken und Perspektiven”? Ich würde behaupten, das war ziemlich provokativ und riskant, in einem Satz zwei solche Pole, wie die Ukraine und Russland zusammen zu setzen und noch daraus eine literarische Diskussionsreihe zu organisieren.

Es kam dazu, weil wir schon vor fünf Jahren diese Reihe durchgeführt hatten und das war sozusagen eine Fortsetzung. Und das ist das Schöne, was wir als Literaturhaus haben. Wir können nicht nur einen einmaligen Abend mit Feuerwerk erleuchten, sondern mit langem Atmen denken und Themen wieder aufgreifen. Wir haben die Möglichkeit, über die größeren Strecken zu planen und Ideen zu entwickeln. 

Die erste Reihe kam kurz nach dem Maidan zustande und hieß “Rebellen”. Diese hatte nur die Ukraine im Fokus: Literatur, Politik, gesellschaftliche Veränderungen, zivilgesellschaftliche Prozesse. Die Reihe führten wir in 2014-15 durch und luden viele Autoren und Intellektuellen ein. Wir wollten die Frage klären, ob Autoren und Schriftsteller als Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen fungieren, wie weit spüren sie was oder fassen sie etwas in Worte, was vielleicht in der Realität noch gar nicht so weit ist. Und gleichzeitig sind sie große Reflektoren: Sie haben Einblicke in die Geschichte, Einblicke in die Literatur, die Kunst. Gerade in der Kunst gibt es einen eigenen Raum sich auszudrücken - im Gegensatz zu allen politischen Sachanalysen. Das hat uns als Literaturhaus interessiert. 

In der Zwischenzeit wurde die Krym von Russland annektiert und in der Ostukraine begann ein blutiger Krieg. Und nun war es für uns an der Zeit, nach fünf Jahren die Frage zu stellen: “Wo stehen wir heute?” Damals führten wir  diese Reihe mit einer gewissen Euphorie. Aber wo sind wir heute in 2019? Es herrscht ein Konflikt. Es herrscht ein Konflikt nicht nur zwischen Russland und der Ukraine, sondern indem wie andere Länder miteinander umgehen. Und was wissen Wir, die Deutschen, über diesen Konflikt in der Ostukraine, der ziemlich schnell aus den Medien verschwunden ist. Was wissen wir über die Ukraine, wo eine Million Binnenflüchtlinge und viele getöteten Menschen gibt, ohne Aussicht auf ein baldiges Ende. 

In der Literatur wird es verarbeitet und findet seinen Einklang und zwar nicht in schwarz-weiss, sondern in diesen Schattierungen und der Vielstimmigkeit, die Kunst und die Literatur kann. Ich muss auch noch dazu sagen, dass in Stuttgart die Vermittlung von Osteuropa immer noch sehr schwierig, sehr westlich und sehr süddeutsch ist. Und das war auch der Signal für uns zu sagen: “Ja, das ist unser Auftrag, wir besetzen dieses Thema noch mal.”

Welche Rückmeldungen haben Sie zu dieser Veranstaltungen bekommen? 

Wie ich schon gesagt habe, ist Stuttgart immer noch sehr westlich orientiert. Viele unsere Besucher wussten nichts t über den Holodomor in der Ukraine. Für viele älteren Menschen war dieser Abend sehr berührend (Komm. Es geht um die zweite Veranstaltung in der Reihe, “Roter Hunger” mit Anne Applebaum als Gast). Und die Pulitzer-Trägerin hierhin zu bringen war auch eine große Sache.

Aber vor allem über die erste Veranstaltung mit Tanja Maljartschuk und Zanna Sloniowska habe ich die meisten Rückmeldungen bekommen. Die Menschen kannten die beiden Autorinnen nicht und entdeckten mit großem Interesse diese neuen Namen. Auch Jáchym Topol, Vladimir Sorokin, und Masha Gessen wurden von den Besuchern neu entdeckt, und Karl Schlögel und Christian Neef positionierten sich als große Experten der Osteuropa. Aber auch Zhadan… na ja...Sie wissen, man liebt ihn einfach (lacht). 

Ist der ukrainische Autor für deutsches Publikum interessant bzw. interessanter geworden?

Auf jeden Fall! In dieser Hinsicht hat sich vieles verändert. Man darf hier Frau Katharina Raabe, Lektorin im Suhrkamp Verlag, nicht vergessen, die solche Autoren wie Juri Andruchowytsch und Serhij Zhadan entdeckt und dem deutschen Publikum präsentiert hat. Auch den Literaturübersetzer muss man hier danken, die endlich als Künstler anerkannt wurden, was vor kurzem nicht der Fall war.

Wie können Sie den modernen literarischen Prozess in der Ukraine beschreiben? 

Es gibt bestimmte Themen, die in ukrainischer Literatur immer noch tabuisiert sind, u.a. Rassismus oder Homophobie. Und es ist interessant zu beobachten, wie vor allem die jungen Autoren diese Tabuthemen ins Licht bringen und damit umgehen. Ein gutes Beispiel dafür ist Yevgenia Belorusets.

Gibt es eigentlich  in Ihrem Leben die Bücher, die Sie als Person in irgendwelcher Art und Weise geprägt haben?

Es gibt tatsächlich solche. Vor allem “Der weisse König” vom ungarischen Schriftsteller György Dragomán hat mich sehr berührt und getroffen. Aber auch das erste Poesiebuch von Zhadan, muss ich bestätigen.

Das Thema unserer Herbstausgabe ist die Zukunft. Die Rezeptionsgewohnheiten verändern sich. Die Menschen schauen Serien bei Netflix, lesen elektronische Bücher. Wie widerspiegelt sich der Medienwandel am Literaturhaus?

Die Buchhandlungen stehen unter großem Druck. Obwohl die Verkaufszahlen nach unten gehen, gehtdie Anzahl der Veranstaltungsbesuchern interessanterweise nach oben. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Menschen Interesse an die Begegnung und gewisse Exklusivität haben - im Sinne, das findet heute statt und das ist nicht wiederholbar. Und das ist, meiner Meinung nach, die Antwort darauf, dass wir letztendlich die sozialen Wesen sind und diesen Urbedürfnis haben, mit Menschen zusammen zu sein, egal wie digitalisiert unseren Alltag ist.

Was ist dann mit dem Buch an sich?

Es wird nicht sterben - ich bin keine Pessimistin in dieser Hinsicht. Die Menschen lesen und werden weiter lesen. Viele haben einfach E-Readers in der Tasche anstatt des Papierbuches. Aber ein schön gestaltetes Buch wird auch bleiben. Ich glaube einfach nicht daran, dass die Menschen aufhören Bücher zu lesen.

 

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