Stuttgart: Ein Raum voller Geschichte, Kunst und Innovation

Created by Ilona Ushenina |

Wenn man über die Stadt Stuttgart spricht, wird die schwäbische Metropole recht schnell mit der Industrie und vor allem mit solchen weltweit bekannten Marken wie Mercedes-Benz, Bosch oder MAHLE - um einige wenige zu nennen - in Verbindung gebracht. Die Fußball-Fans würden sicherlich noch auf den VfB Stuttgart kommen, die Bierliebhaber - auf das Wulle-Bier. Was viele aber nicht wissen ist die Tatsache, dass die Stadt Stuttgart aus der Sicht der Architektur eine echte Schatztruhe ist.

 

“Stuttgart ist nicht allein das Habitat für Spätzle und Wutbürger - sondern ein einzigartiges Labor architektonischer Tüftelei und konstruktiver Experimente”, schrieb Gerhard Matzig in seinem Essay für die Sonderausgabe für “Monopol”. Ob er Recht hatte, dürfen Sie sich gleich selbst überzeugen.

 

Unter dem Stern des Römischen Reichs

Bereits im Jahr 90 n. C. wurde von den Römern auf dem Altenburger Feld (Cannstatt) rund 450 Meter vom Neckar entfernt ein Kastell errichtet, das eine zentrale Rolle bei der Verteidigung der Außengrenze des Römischen Reichs spielte und zum Hauptort eines römischen Regierungsbezirks wurde. Die mind. 19 Hektar große Siedlung wurde von über 500 Rittern bewacht - zusammen mit den anliegenden Handelsstraßen. Fast 2000 Jahre später feiert die Anlage, die heute unter dem Namen “Römerkastell” bekannt ist, ihre Renaissance als Herzstück des Bezirks. Während der Um- und Ausbauarbeiten in den 00er Jahren wurde besonders auf Denkmalschutz geachtet. Als Folge blieb beispielsweise der ehemalige Kasernenhof unbebaut, so kann man sich bildlich vorstellen, wie die römischen Ritter oder auch die Armee von Wilhelm I. hier exerziert hatten. Die Phönixhalle (gebaut um 1916-1917) wurde zu einer sehr beliebten Event-Location und bietet den Besuchern eine einzigartige Atmosphäre

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Weissenhofsiedlung & UNESCO Weltkulturerbe

Nur 10 Minuten mit der Buslinie 44 vom Stuttgarter Hauptbahnhof entfernt befindet sich die Weissenhofsiedlung, die für die Ausstellung “Wohnung” 1927 entstand. 17 internationale Architekten erschaffen 33 Häuser, die für innovatives, modernes und zukunftsgerichtetes Wohnen standen. Darunter befand sich auch schweizerisch-französischer Architekt Charles-Édouard Jeanneret-Gris, weltweit bekannt unter dem Künstlernamen Le Corbusiér, der zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts gehört. Als großer Visionär sah er die Notwendigkeit in der Architektur die alten Prinzipien zu Bauen und zu Wohnen an den technologischen Fortschritt anzupassen. Er ging soweit, dass er 1927 ein Architekturmanifest kreiert hat, das er in seinem eigenen Magazin “L’Esprit Nouveau” (dt. der Neue Geist) herausgegeben hat: Die Pfosten Die Dachgärten Der freie Grundriss Die Langfenster Die freie Fassade Im gleichen Jahr setzt er diese Prinzipien für sein Projekt innerhalb der Weissenhof-Siedlung ein. Dieses gehört mit weiteren 16 Werken des Meisters zum UNESCO-Weltkulturerbe und kann heute als Museum besichtigt werden. Neben der hocheffizienten Raumnutzung fällt auch den Laien auf, wie revolutionär das Gebäude für die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts war, denn auch im 21. Jahrhundert werden natürliche Raumbeleuchtung durch große Fenster geschätzt und die Grünanlagen auf einem flachen Dach vom Staat bezuschusst.

 

Weite Ausblicke vom Stuttgarter Fernsehturm 

Der Stuttgarter Fernsehturm ist ein beliebtes Motiv für Kühlschrankmagneten, Schlüsselanhänger und weitere touristische Mitbringsel. Was ist aber an ihm so besonders? Es ist die Tatsache, dass er der erste seiner Art war und den Weg für das Aussehen der Fernsehtürme in ganzer Welt geebnet hat. Zu jener Zeit war das üblich die Antennen auf den eisernen Gittermasten zu befestigen, aber der verantwortliche Architekt Prof. Fritz Leonhardt hatte eine bessere Idee - eine optisch ansprechende Säule, die über eine Aussichtsplattform und eine öffentliche Gastronomie verfügen würde. Nach nur 20 Monaten Bauzeit wurde der Fernsehturm 1956 eingeweiht - mit der Königin von Großbritannien Elisabeth II auf der Gästeliste. Nach der Schließung aus den Brandschutzgründen 2013 hat es übrigens fast 3 Jahre gebraucht, bis die Maßnahmen zur Nachrüstung umgesetzt wurden. Umso schöner ist es, dass der atemberaubende Ausblick aus der 217 m Höhe den Besuchern erhalten bleibt. Heute wird der Turm nicht nur zur Wellenübertragung genutzt, sondern auch als Veranstaltungsort, an dem man sich übrigens auch Standesamtlich trauen lassen kann.

 

Kunst trifft Architektur

Abgesehen von der Tatsache, dass die Staatsgalerie Stuttgart ein Museum auf dem Weltklasseniveau ist, ist es ein architektonisches Meisterwerk, dessen heutige Erscheinung 164 Jahre brauchte. Das ursprüngliche Gebäude des “Museums der bildenden Künste” wurde 1938-1943 nach Entwürfen von Georg Gottlob Barth gebaut. Die erste Erweiterung, für die Albert von Bok verantwortlich war kam knapp 40 Jahre später. Ob der Wiederaufbau nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg dazu zählen sollte? Auf jeden Fall, denn so wurde von Maximilian Debus die historische Basis wiederhergestellt, die 1984 durch den postmodernen Stirling Bau erweitert wurde. Dieser Anbau ist heute das Gesicht der Staatsgalerie und wurde zurecht 2014 zum “Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung” ernannt. Die letzte Erweiterung wurde im rückwärtigen Bereich 2002 abgeschlossen. So bietet die Staatsgalerie heute 12.000 m² Ausstellungsfläche, welche sowohl für die Dauerausstellungen als auch für die thematischen Ausstellungen, oder auch Events genutzt wird. 2005 hat die Staatsgalerie einen “Konkurrenten” bekommen - denn der Bau vom Kunstmuseum Stuttgart wurde fertiggestellt. Das würfelförmige Gebäude verbindet durch mehrere Etagen die Einkaufsstraße (Königstraße) und den höher liegenden kleinen Schloßplatz. Das verantwortliche Architekturbüro HASCHER JEHLE, dessen beide Gründer gebürtige Stuttgart sind, hat zahlreiche Auszeichnungen und lobende Erwähnungen für das Projekt erhalten und die schwäbische Hauptstadt - ein weiteres architektonisches Wahrzeichen.

 

Stadtbibliothek

Wer abends in Stuttgart am Mailänder Platz unterwegs ist, hält sicherlich für einen Moment inne, um die eindrucksvolle Beleuchtung der Stuttgarter Stadtbibliothek zu bewundern. Das 2011 eröffnete Gebäude gehört zu der modernsten Stuttgarter Architektur-Geschichte und symbolisiert den Auftakt der größeren Modernisierung des Stadtbildes nördlich vom Hauptbahnhof. Der Gewinner des Architektenwettbewerbs Eun Young Yi konstruierte nicht nur ein Gebäude aus Stein und Beton, sondern eine ganze Botschaft. Das gestalterische Prinzip besteht in den primären Raumformen. Demzufolge stellt die Bibliothek im Inneren einen absolut geometrischen, weißen Raum dar – den vollkommenen Kubus oder das sogenannte „Herz“, das durch zentrales Oberlicht beleuchtet wird. In seinem Architekturkonzept weist er darauf hin, dass während das „Herz“ die Wurzeln des Wissens symbolisiert, deutet der trichterförmig ausweitende Galeriesaal die Öffnung zur grenzenlosen Welt des Wissens an. Durch räumliche Inszenierung von geometrischen Formen sowie durch die Empfindung von Licht, Akustik, Farbe und Stille können die Besucher der Bibliothek in eine faszinierende Erlebniswelt eintauchen. Durch die Zusammenarbeit mit dem Schriftstellerhaus, den ausländischen Kulturinstituten, Kulturvereinen und vielen anderen kulturellen Institutionen bietet die Stadtbibliothek heutzutage zahlreiche Abendveranstaltungen wie z. B. Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, die sowohl Wissensaustausch als auch Unterhaltung ermöglichen.

 

Geschichte und die Zukunft der Automobilindustrie in zwei Gebäuden.  

Die zwei Riesen der Automobilindustrie verstehen nicht nur vom Autobau was, sondern auch von der Architektur. Beide Museen entstanden ziemlich gleichzeitig (mit ca. 1 Jahr Unterschied in der Fertigstellung) und sind aus der Sicht der Architektur die Verkörperung dessen, wofür beide Marken stehen: Innovation, Zukunft, Fortschritt. Das Mercedes Benz Museum bietet mit seinen gewölbten Wänden, in einer Spirale ineinander fließenden Ebenen, welche nahtlos verschiedene Ausstellungsräume verbinden einen optischen Genuss und verleiht den Besuchern das Gefühl, eine Zeitreise in die Vergangenheit gemacht zu haben. Das Porsche Museum beeindruckt (neben den Autos natürlich) ebenfalls mit seinen architektonischen Formen. Wie ein Raumschiff steht er “geparkt” in Stuttgart-Zuffenhausen und scheint zu sagen: Die Zukunft ist jetzt. Tausende der Quadratmeter der Ausstellungsfläche wurden für beide Museen übrigens vom gleichen Architekturbüro hg merz gestaltet. Tipp der Redaktion: Zuerst Porsche und dann Mercedes-Benz besuchen. Übrigens, beide Museen haben richtig gute Websites, auf welchen man sich den ersten Eindruck vermitteln und sich über die Führungsangebote informieren kann. Der Fortschritt fordert sein Tribut. Dabei geht es nicht nur um Innovation und Anpassung der Bauweise an die moderne Technologien. Oft bedeutet es, den Abschied vom Alten zu nehmen. Das aktuell wohl bekannteste Bauprojekt Stuttgarts (und vielleicht ganz Deutschlands) ist “Stuttgart 21”: Im Rahmen des Projekts soll der Hauptbahnhof erneuert und der Flughafen inkl. der Messe an den Regional- und Fernverkehr angeschlossen werden. Ein edles Vorhaben, das aufgrund der Fehlplanung und schlechter Öffentlichkeitsarbeit für zahlreiche Proteste und gesellschaftlichen Unmut gesorgt hat. Sollte das Projekt aber abgeschlossen sein, kann man in Anbetracht des Stuttgarter Architekturerbes sicher sein, dass mit dem neuen Hauptbahnhof in Stuttgart etwas erschaffen sein wird, was die Generationen überdauert und sich in den Fachbüchern über wegweisende Bauwerke wiederfinden wird.
 

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