Tamara Gorikha Zernya und Ihre „Dotsya“

Created by Serhiy Kandul |

„Das Buch hat uns so sehr mitgenommen, dass auch Tränen kamen“. Dies waren die ersten Kommentare meiner Freunde, die das Glück hatten, das Buch „Dotsya“ (dt. „Die Tochter“) von Tamara Goricha Zernya, der Preisträgerin des ukrainischen BBC Book of the Year 2019, zu bekommen. Bevor das lang ersehnte Päckchen in meinen Briefkasten landete, suchte ich leidenschaftlich die Gelegenheit, mich mit der Autorin direkt auszutauschen.

Tamara, Ihr Buch wird als eines der besten Romane über den Krieg in der Ostukraine genannt. Im Vorwort hingegen bezeichnet man dies als ein Buch über die Liebe. Worüber schreiben Sie denn?

Für mich ist es eindeutig ein Buch über die Liebe, über die mysteriöse und unvorhersehbare menschliche Natur. Die Ereignisse finden im Frühjahr 2014 in Donbas statt, während des Kriegsausbruches. Die Protagonistin ist eine Einwohnerin von Donezk, eine Künstlerin, die nie etwas mit Militär zu tun hatte. „Dotsya“ ist die Chronik ihres Wandels von einer Bürgerin zu einer Kämpferin, einer freiwilligen Helferin an der Front. 

Sie arbeiten als Übersetzerin und schrieben zuvor keine Bücher. Sie haben gesagt, dass Sie dieses Buch schreiben mussten, weil Sie eine Lücke in der künstlerischen Betrachtung des Krieges spürten. 

„Dotsya“ ist eines der ersten belletristischen Bücher über den Krieg in der Ukraine. Oksana Sabuschko ordnete es zu der modernen Genre „Faction“ ein - einer Mischform von Belletristik und Dokumentation. Ich sah deutlich den Mangel an solchen Büchern. Der Krieg bedeutet auch die Zeit für die Gestaltung einer neuen Realität, die Zeit des Niedergangs des alten und Entstehung des neuen Mythos. Mit dem Krieg werden neue Helden - auch im literarischen Sinne - geboren. Wir brauchen jemanden dem wir Ehre erweisen und zu dem wir aufschauen können. Im Endeffekt wird die literarische Darstellung zum Einzigen, was von diesem Krieg übrig bleiben wird. Die Literatur wird zur Quelle, aus welcher sich nächste Generationen über heutigen Ereignisse erkundigen werden.  

Es gibt in dem Buch Tetjana - eine sehr gute Freundin der Hauptfigur. In einer Szene bezeichnet sie das Ukrainische als “eure [Kultur etc. - Anm. der Redaktion]”. Was hindert sie daran, das Ukrainische als etwas zu empfinden, was auch zu ihr gehört? 

Donbas war stark von der Russifizierung in der Sowjetzeit betroffen. Gleichzeitig ist die Ostukraine eine Region, in der man die Nachfrage nach dem ukrainischen [geschriebenen] Wort am meisten spürt. Die Menschen flehen quasi an: Kommt zu uns, sprecht mit unseren Kindern - wir brauchen das. 

„Dotsya“ stellt das tragische Formel des Euromajdans in Donezk dar: „Wir sind gekommen, um zu überzeugen. Sie sind gekommen, um uns zu töten“. War die pro-ukrainische Bewegung von Beginn an zum Scheitern verurteilt?

Die ganze Geschichte des Kampfes für Unabhängigkeit der Ukraine ist eine heroische Handlung einer Handvoll der selbstlosen Bürger, welche das Land in jeder Generation retten. Sie sind immer sehr wenige, allerdings genug, um durchzustehen. 

Die Hauptprotagonistin des Romans hat ein echtes Vorbild. Die Skeptiker warnen allerdings davor, „Superhelden“ zu erschaffen. Warum fällt es uns so schwer, an die Heldenschaft der realen Mitmenschen zu glauben?

Der Krieg machte „Superhelden“ aus unseren Nächsten. Ich unterhalte mich mit diesen Menschen, manchmal streiten wir uns, manchmal essen wir zusammen; wir verbringen die Zeit miteinander - feiern gemeinsam Hochzeiten und Taufen. Öfters kann ich es selbst kaum glauben und kneife mich heimlich unter dem Tisch, um sicher zu stellen, dass es kein Traum ist. 

Im Ausland nehmen oft die Menschen den Krieg in der Ukraine als etwas Kompliziertes und Undurchsichtiges wahr. Die Kunstwerke, welche die Konfliktbeteiligten zu Helden machen, werden oft als überflüssig abgestempelt. Kann “Dotsya” im Ausland ankommen?

„Dotsya“ hat bereits die Anerkennung von einem höchst skeptischen Publikum erlangt. Das Buch erzählt über die Entstehung von inneren Stärke, über moralische Entscheidungen und deren Konsequenzen, über die Verbundenheit mit der Vergangenheit und den außerordentlichen Mut, der im Kampf mit eigenen Dämonen erfordert wird. Die Protagonistin öffnet ihre Seele nicht und die Leser können nur ahnen, was Sie vorhat. Umso mehr freuen sie sich, wenn die Ereignisse ihren Erwartungen entsprechen. 

Was lesen Sie während der Quarantäne?

Ukrainische Literatur bietet gerade viel Neues und Kräftiges an. Mich haben zum Beispiel die poetische Sammlung von Kateryna Kalytko „Niemand kennt uns hier und wir kennen keinen“ und die Prosa von Serhiy Osoka „Die himmlische Frucht“ sowie „Das nächtige Schwimmen im August“ beeindruckt.
 

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