This rain will never stop

Created by Polina Moshenska |

„This rain will never stop“ von Alina Gorlova wurde mehrmals auf verschiedenen internationalen Festivals ausgezeichnet. In diesem Essay teilt die Dokumentarfilmregisseurin Polina Moshenska ihre Filmeindrücke und erklärt seine Einzigartigkeit.

„This rain will never stop“ von Alina Gorlova ist ungewöhnlich und mutig, was allgemeine Regeln und Methoden des Dokumentarfilms betrifft. Der Film erzeugt eine starke emotionale und körperliche Anspannung, die von Anfang an spürbar ist. Scharfe Montage von bewegten Bildern aus der Luft bereitet dem Zuschauer ästhetische Freude und Genuss. Abwechselnde Landschaftsbilder saugen einen komplett auf: In einem Augenblick ist man im All, im anderen — in der Ostukraine, Irak und Deutschland. Aber das Gefühl der grenzenlosen Weite von Land und Wasser bleibt. Die musikalische Begleitung und die Arrangements spielen dabei eine sehr wichtige Rolle.

Es gibt Momente, in welchen Unbehagen, Monumentalität sowie Zerrissenheit herrschen, in welchen man sich vom Gesehenen distanzieren möchte, zum Beispiel beim Beobachten der Panzerproduktion. Gleichzeitig erinnern andere Industrieszenen, untermalt durch das Zusammenspiel von Licht und Schatten sowie Bewegungen und Blickwinkel, an die Dreharbeiten von „Dzyga“ von Vertov und Kaufman an denselben Orten im Donbas. Die Militärparade der ukrainischen Truppen anlässlich des Unabhängigkeitstages vermittelt ein Gefühl von Macht, die einschüchtert. Offenbart werden der Gegensatz von Mensch und Menschenmenge, und auch die bewaffneten Menschengruppen, die jederzeit bereit sind anzugreifen. 

Eine andere Szene, die für mich persönlich Fragen aufwirft, ist die, in der eine kurdische Hochzeit in Deutschland gezeigt wird. Ich versuche zu verstehen, was ich sehe und fühle, aber die Szene bleibt für mich wie ein blinder Fleck, vielleicht aufgrund der bewussten Trennung von Ton und Bild. 

Laut den Autor:innen hätte sich die Musik im Film kaum bemerkbar sein sollen. Nach dem Anschauen erinnert man sich zwar nicht an sie, aber sie schafft ebenfalls die Distanz an bestimmten Stellen im Film, wo es ggf. gar nicht notwendig wäre. Die Distanz, die den schmalen Grat zwischen der Auflösung in der Filmhandlung und dem Gefühl der Manipulation seitens Regisseurin, sichtbar macht. Eventuell liegt dies auch daran, dass gleich zwei Komponisten für den Soundtrack verantwortlich waren, jeder von denen mit der Fülle der Charaktere, Bedeutungen und Assoziationen gleichermaßen beladen war.

Vertrauen und Respekt gegenüber dem Betrachter sind ebenfalls präsent, indem die allgemeinen Szenen ohne Fokus oder Dominanz der Dialoge eine gelassene Betrachtung der Szenerie ohne Fokus ermöglichen. Der Film verfolgt nicht das Ziel, offensichtlich und verständlich zu sein, er lädt die Zuschauer ein, sich dem Fluss der Zeit zu ergeben und in die Träume einzutauchen, die keine Erklärung bedürfen. Es gibt einen Protagonisten im Film, der Schritt für Schritt vorgestellt wird. Es ist Andriy, ein Freiwilliger der Rotes Kreuz-Mission, ein bisschen verschlossen und distanziert. Er ist zwar wichtig für die Handlung, ist aber kein Hauptakteur. Sein Privatleben sowie dieses seiner Familie werden sehr rücksichtsvoll gezeigt. Wir folgen ihm und den Ereignissen und Orten um ihn herum, sehen ein größeres Bild, treffen andere Menschen.

Besonders beeindruckend durch ihre Schönheit und Traurigkeit sind die Gespräche über die Kurden, den Turmbau zu Babel, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, Menschen von unterschiedlichen Orten zu verstehen; die Zärtlichkeit des alten Mannes, der in der Kriegsfrontzone lebt, seinen Ziegenlämmern gegenüber, das Bild des ewigen Hirten und seiner Herde, unverändert vor dem Hintergrund von Strommasten; Kinder, die mit Plastiktüten spielen; die Schönheit der arabischen Ziffern, die zyklisch die Abschnitte der ewigen Geschichte von Null auf Null ändern und den pulsierenden Klang des Herzschlags.  

Es geht auch um Transgression — das Überschreiten von Grenzen, geschrieben im Code ihrer Natur. Eine Entscheidung, die die persönliche Unfähigkeit aufzuhören, offenbart. Die Mittel der Sprache reichen nicht aus, um grenzüberschreitende Erfahrungen auszudrücken, vielleicht reichen dafür die filmischen Gestaltungsmittel aus.

Meiner Meinung nach, reicht es in einer Dokumentation nicht, nur zu beobachten oder die Geschichte wiederzugeben. Es bedarf einer intuitiven Ebene, die in einer Reihe mit Empathie und Sensibilität stehen würde. Eine innige persönliche Erfahrung, die zur Bewegung animiert und hilft, Entscheidungen zu treffen, was für die Schöpfer:innen der Dokumentarfilme besonders wichtig ist. Bei Alina Gorlova spürt man diese Ebene sehr gut.

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