Ukrainisches Berlin und die Spuren der deutsch-ukrainischen Geschichte

Created by Celina Isenbart |

Diese Route umfasst insgesamt 12 Stationen – eine Mischung aus sowohl historischen und kulturellen als auch gegenwärtigen Orten. Dank dieser Route werden Sie in die Zeiten von Lesya Ukrainka und Wolodymyr Wynnytschenko versetzt. Sie erfahren, welcher ukrainische Film dem Berliner Kino seinen Namen gab und welche Bar von drei ukrainischen Künstler:innen gegründet wurde, um der Berliner Kreativszene eine neue Bühne zu bieten.

Die Sightseeing-Tour des Berliner Teams umfasst insgesamt 12 Stationen – eine Mischung aus sowohl historischen als auch gegenwärtigen Orten. Sie beginnt beim Kino Arsenal auf dem Potsdamer Platz, das nach dem Stummfilm „Arsenal“ des ukrainischen Filmemachers Oleksandr Dovzhenko benannt wurde, der eine Zeit lang in Berlin gelebt hatte. Angesichts dessen haben die Teilnehmer:innen den Film zusammen angesehen. „Über diesen bekannten ukrainischen Film habe ich schon viel gehört, aber nicht erwartet, dass ein Stummfilm so spannend sein kann. Ich empfehle allen, sich nicht nur den Streifen anzuschauen, sondern sich auch über das vielseitige Leben von Dovzhenko zu informieren“, meint die Teilnehmerin Zhanna, die fast täglich auf dem Weg zur Arbeit an diesem Kino vorbei eilt.

Die Tour geht weiter Richtung Tiergarten, in dem sich die Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma befindet. Auf dem Gelände sind 69 Steinplatten zu finden. Jede symbolisiert ein gebrochenes Leben und wurde als Andenken an die Orte entworfen, an denen während der NS-Zeit Hunderttausende Sinti und Roma verfolgt und ermordet wurden. Drei dieser Steine tragen die Namen ukrainischer Orte: Tschernihiw, Kertsch und Simferopol.

Wir lassen den Tiergarten hinter uns, durchqueren das Regierungsviertel und gelangen nun zum Spreebogenpark, wo 2019 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine eine Gedenktafel angebracht wurde. Zu jener Zeit befanden sich viele Botschaften in dieser Gegend. So auch die ukrainische, bis das Gebäude vier Jahre später von der jungen Sowjetunion verkauft und dann mit der Umgestaltung des gesamten Viertels ganz verschwand.

Nicht weit entfernt liegt das Café “Tucano Coffee”, das die Initiative „Bookcrossing Ukraine Berlin“ beherbergt. Deren Prinzip ist einfach: Jeder kann sich Bücher aus den dafür vorgesehenen Regalen mitnehmen, wenn er selbst Bücher zum Tauschen mitbringt bzw. die entnommenen Bücher nach dem Lesen wieder zurückbringt.

Natürlich darf auf einer Route zum Thema „ukrainisches Berlin“ auch die derzeitige ukrainische Botschaft nicht fehlen, die 1999 von Bonn nach Berlin verlegt wurde. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Interessen der Ukraine zu vertreten, die Entwicklung der deutsch-ukrainischen Beziehungen zu fördern sowie die Rechte und Interessen der in Deutschland ansässigen Bürger der Ukraine zu schützen.

Wenn wir die Straße ein Stück weiter heruntergehen, gelangen wir zum Sitz des „Zentrum Liberale Moderne“, aus dem das Projekt „Ukraine verstehen“ hervorgegangen ist. Es wurde ebenfalls 2017 gegründet und lädt mit Veranstaltungen und öffentlichen Diskussionen deutschlandweit Menschen ein, sich mit der Ukraine tiefer zu beschäftigen.

Die nächste Station auf der Route ist die Gedenktafel für die berühmte ukrainische Dichterin Lesya Ukrainka. In dem Gebäude, an dem die Tafel angebracht ist, befand sich früher die Privatklinik des deutschen Chirurgen Ernst von Bergmann, in der Lesya Ukrainka behandelt wurde und einen Teil ihrer Werke verfasste.

Um zum nächsten Ort zu gelangen, überqueren wir die Museumsinsel. „Unsere Route führt durch viele der Hauptsehenswürdigkeiten Berlins – so kann man wunderbar auch die Stadt kennenlernen. Allerdings folgt unser Kennenlernen einem besonderen – ukrainischen – Blickwinkel. Wir schauen uns diejenigen Spuren an, die von der gemeinsamen deutsch-ukrainischen Geschichte in der Stadt hinterlassen wurden. Im Großen und Ganzen geht es um die Vervollständigung eines geschichtlichen europäischen Narrativs. Dadurch, dass wir dieser Geschichte ein weiteres, die deutsch-ukrainische Geschichte sichtbar machendes „Puzzlestück“ hinzufügen. Wer weiß, wie sich unser Blick dadurch verändert?“, so die Team-Mentorin Oleksandra.

Hinter der Museumsinsel befindet sich das Maxim Gorki Theater, verbunden mit der Ukraine durch den ukrainischen DJ Yuriy Gurzhy. Zusammen mit Marina Frenk beschäftigte sich Yuriy mit der Frage „Wer war Stepan Bandera?“. Die “Rechercheergebnisse” wurden in Form einer HipHopera mit dem Titel „Bandera-Mythen der Wirklichkeit“ 2017 dort uraufgeführt.

Nicht weit vom Maxim Gorki Theater war einst das Ukrainische Wissenschaftliche Institut ansässig, das Informationen über die Ukraine und ihre Kultur unter deutschen Wissenschaftler:innen verbreitete. Darüber hinaus unterstützte das Institut ukrainische Student:innen und Wissenschaftler:innen in Deutschland. 1945 wurde es leider aufgelöst und derzeit befindet sich hier die Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Auch die Volksbühne besitzt eine Verbindung zur Ukraine: Hier wirkte der Schriftsteller Wolodymyr Wynnytschenko, dessen Stücke, wie z. B. „Die Lüge“, in der Weimarer Republik große Beliebtheit erlangten.

Unsere Route endet an einer anlässlich der Katastrophe von Tschernobyl enthüllten Gedenktafel. Damals entstanden insbesondere in Berlin zahlreiche Organisationen, die sich mit Umweltthemen beschäftigen. Und wer möchte, kann als Bonus noch mit der U-Bahn nach Kreuzberg zur Space Meduza Bar fahren, die von drei ukrainischen Künstler:innen gegründet wurde, um der Berliner Kreativszene und natürlich ukrainischen Kulturschaffenden eine Bühne zu bieten.

Ich persönlich hätte nicht gedacht, dass Berlin in so vielerlei Hinsicht Verbindungen zur Ukraine aufweist. Als Deutsche, die sich für die Ukraine und insbesondere die deutsch-ukrainischen Beziehungen interessiert und Ukrainisch lernt, musste ich dieses Projekt selbstverständlich unterstützen. Vielleicht hilft es ja dabei, mehr Leute auf die Ukraine aufmerksam zu machen. Ähnlich ging es auch der Teilnehmerin Diana: „Es war äußerst interessant für mich, die Geschichten ukrainischer Talente in Berlin zu verfolgen. Ich bin überzeugt, dass die Route, die mit solch reichen historischen und kulturellen Komponenten gefüllt ist, allen Freude bereiten wird.“

 

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Illustration: Kateryna Dorokhova
Illustration: Kateryna Dorokhova
Foto: Celina Isenbart
Illustration: Kateryna Dorokhova
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Fotos: Volodymyr Kutsenko
Foto: Celina Isenbart
Fotos: Volodymyr Kutsenko
Illustration: Kateryna Dorokhova
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Foto: Celina Isenbart
Fotos: Volodymyr Kutsenko
Fotos: Volodymyr Kutsenko