Von Menschen für Menschen: Medizinische Versorgung für die Kriegsopfer

Created by Aus dem Ukrainischen von Ilona Gerlach |

Stanislav Onyschuk, Unternehmer und Leiter der Klinik für Plastische Chirurgie und Kosmetologie gründete direkt zu Beginn des offenen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine das erste ehrenamtliche Krankenhaus für chirurgische Eingriffe. Hier behandeln und operieren die Ärzte kostenlos die Menschen in der Ukraine, die vom Krieg betroffen sind. Stanislav erzählte Gel[:b]lau, wie es dazu kam und wie er die Zukunft der Klinik sieht.

Vor dem Krieg

2014 wurde eine Klinik gegründet, die zu Beginn sehr winzig war — nur ein Büro, in dem ein Kosmetologe / Dermatologe seine Sprechstunde gab. Einige Jahre später wurden daraus bereits drei Zimmer. Nur wenige Monate vor dem Angriff haben wir eine Förderung für KMU bekommen und so hatte ich die Möglichkeit, den Experten des SES-Förderprogramms, zu Rate zu ziehen, der für einen Monat nach Iwano-Frankiwsk kam. Als Ergebnis unserer intensiven Zusammenarbeit kam eine Strategie für die Klinik für plastische Chirurgie heraus, welche europäische Qualität und ukrainische Preise in ihrem USP vereinte. Ende November 2021 wurde die Eröffnung in einer Ortschaft in der Nähe von Iwano-Frankiwsk gefeiert. Die Klinik hat alle deutschen Standards erfüllt — Aufbau der Chirurgie-Station, Struktur der Patientenzimmer, Ausstattung etc. Schließlich konzentrierte man sich von Anfang an auf den europäischen Markt.

Wichtige Entscheidungen

Am 24. Februar wachte die ganze Ukraine im Rauch auf. In Iwano-Frankiwsk wurde der Flughafen bombardiert und der schwarze Rauch war wahrscheinlich aus jeder Ecke der Stadt zu sehen. Ich hatte gemischte Gefühle: Einerseits war ich die letzten Tage und Wochen durchaus im Bilde, was passieren könnte, andererseits war es kaum zu glauben, dass es tatsächlich passiert. Der Gedanke, dass der Krieg nun da — in der Ukraine — stattfindet, wollte sich in meinem Kopf nicht legen. Ein weiterer Gedanke zwang mich darüber nachzudenken, wie ich meine Familie schützen kann, sie an einen sicheren Ort bringen. Ich erinnere mich, wie ich meinen Mitarbeitenden sagte, nicht zur Arbeit zu kommen, und bin selbst in die leere Klinik, um wichtige Dokumente abzuholen. Und da habe ich gedacht: Die Klinik hat zwar eine kosmetische Ausrichtung, aber wir haben eine chirurgische Basis, auch eine Ambulanz — so können wir den Menschen helfen, die vom Krieg getroffen sind. Die Idee der Umprofilierung der Klinik hat mich beflügelt. Wenn ich mich später, nach dem Sieg, daran erinnern werde, will ich glauben, dass ich so meinen Beitrag geleistet habe. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht, ob es schwierig sein würde, ob ich genug Ärzte und Krankenschwester als Freiwillige gewinnen kann, ob es genug Finanzierung und Instrumente gibt. Die Entscheidung kam augenblicklich und ich habe sie nie bereut.

„Menschliches“ Projekt

Das Erste, was ich getan habe, war einen Beitrag in Social Media zu veröffentlichen, dass eine Initiative „1. ehrenamtliches Krankenhaus für chirurgische Eingriffe“ gegründet wird und dass wir händeringend nach folgenden Berufen suchen: Chirurgen, Anästhesisten, Krankenschwestern, Koordinatoren, Fahrern etc.

Ein professionelles Team zusammenzustellen war wahrscheinlich meine wichtigste und schwierigste Aufgabe und ich war sehr besorgt, ob es mir gelingen würde. Das Elan mit dem alle Beteiligten an die Umsetzung rangegangen sind, zeigte mir nur, wie wichtig das Projekt für diese Zeit war. Heute arbeiten sowohl Einheimische als auch Binnenflüchtlinge im Krankenhaus. Es war ein unglaubliches Gefühl, als mich Leute in den ersten Tagen anriefen und Interesse an der Mitarbeit bekundeten. Ich fragte sofort, ob sie wussten, dass es sich um ein Ehrenamt handelt und wir keine Finanzierung haben. Aber sie antworteten, dass es einen Krieg in der Ukraine gibt und sie ihre Zeit, Fähigkeiten und Erfahrung opfern wollen, weil es ihre bürgerliche Position ist. Dieses Projekt war von Anfang an sehr menschlich — hier arbeiten die Menschen für die Menschen. Wir versuchen, jeden Fall individuell, je nach Situation anzugehen. Wir hören den Kriegsopfern zu und versuchen zu helfen, so gut wir können.

Organisierter Prozess

Seit der Gründung wurden unsere Dienstleistungen von etwa 400 Personen in Anspruch genommen, davon von 40, die spezialisierte chirurgische, orthopädische und traumatische Versorgung benötigten, wie z. B. durch die Minen- und Schuss- wunden. Der Rest der Fälle — Behandlung von Wunden, psychische Traumata, Verschlimmerung chronischer Erkrankungen durch den Stress. Wenn wir nicht selbst helfen können, verweisen wir auf Spezialisten, da wir Vereinbarungen mit anderen Kliniken haben, die sich bereit erklärt haben, ebenfalls kostenlos zu behandeln. Außerdem konnten wir NGOs engagieren, die uns mit Medikamenten beliefern. Patienten finden uns durch ehrenamtliche Helfer am Bahnhof in Iwano-Frankiwsk oder über soziale Netzwerke.

Das, was inspiriert

Dieses Projekt ist einfach unglaublich. Ich bin jeden Tag aufs Neue inspiriert und spüre, wie sehr wir gebraucht werden. Ich sehe die dankbaren Augen der Menschen, denen wir helfen, und ich sehe, wie unsere Freiwilligen dafür „brennen“, was sie tun. Jeden Tag habe ich neue Gründe, stolz zu sein. Ich erinnere mich z. B., dass wir am Anfang einen lebenswichtigen Satz chirurgischer Instrumente brauchten, der 1.500 Dollar kostete, aber wir hatten kein Budget. Ich habe den Verkäufer angerufen, die Situation geschildert und er hat mir gesagt, dass er das Set kostenlos zusenden würde. „Ein Danke wird reichen“, sagte er. Es war unglaublich, niemand hatte das erwartet oder nur darauf gehofft. „Ärzte ohne Grenzen“ haben uns ebenfalls kürzlich kontaktiert. Sie halfen uns mit Sprit und stellten Medikamente zur Verfügung, die selbst in der friedlichen Zeit schwer zu beschaffen sind, darunter Hormonpräparate oder Anästhetika. Die Organisation half uns auch bei der Anmietung der Räumlichkeiten, da wir irgendwann in der Klinik „überfüllt“ wurden. Jetzt organisieren wir mit ihnen auswärtige Aktionen – freiwillige Ärzte gehen in verschiedene Städte oder besuchen Notunterkünfte und versorgen vor Ort die vom Krieg betroffenen Menschen medizinisch. Einige ausländi- sche Ärzte kamen über „Ärzte ohne Grenzen“ zu uns. Wir haben Erfah- rung in der Zusammenarbeit mit Ärzten aus der Tschechischen Republik, Norwegen, Japan und Frankreich. Ich fragte einmal: „Wie oft planen sie [die Ärzte], zu uns zu kommen?“ Darauf kam die Antwort: „Bis der Bedarf an ihrer Arbeit verschwindet”

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Stanislav Onyschuk Foto: Taras Maistryshyn