Olga Rudnieva: Unsere Aufgabe ist es, zu lernen, respektvoll und vorurteilsfrei miteinander umzugehen.
Kann man sagen, dass Superhumans seinen Patientinnen und Patienten nicht nur ihre körperliche Funktionsfähigkeit zurückgibt, sondern ihnen auch dabei hilft, ein Stück ihrer menschlichen Identität wiederzufinden, die sie durch die Umstände des Krieges verloren haben?
Tatsächlich können wir heute einem Menschen nicht mehr einfach eine Prothese geben, wie es früher häufig der Fall war. Wir müssen verstehen, wofür sie gebraucht wird und wie das Leben der Patientin oder des Patienten danach aussehen soll.
Die überwiegende Mehrheit unserer Patientinnen und Patienten sind Veteranen und aktive Soldatinnen und Soldaten, die nach ihrer Verletzung neue Rollen und Perspektiven im Leben finden müssen. Gleichzeitig betreuen wir viele Zivilistinnen und Zivilisten, die ihre Heimat verloren haben, nicht in die besetzten Gebiete zurückkehren können und gezwungen sind, ihr Leben von Grund auf neu aufzubauen. Auch für sie ist es entscheidend, einen neuen Sinn, eine neue Rolle und neue Möglichkeiten der Selbstverwirklichung zu finden.
Unsere Aufgabe bei Superhumans besteht deshalb nicht allein darin, hochwertige medizinische Versorgung zu leisten, Operationen durchzuführen, Prothesen anzupassen und den Umgang mit ihnen zu vermitteln. Wir möchten den Menschen dabei helfen, ihr weiteres Leben zu gestalten: herauszufinden, womit sie sich beschäftigen möchten, wie sie künftig arbeiten und welche Ziele sie verfolgen wollen. Davon hängt maßgeblich ab, ob eine Rehabilitation wirklich erfolgreich ist und langfristig einen Unterschied macht.
Deshalb arbeitet mit jeder Patientin und jedem Patienten nicht nur ein medizinisches Team. Zum Behandlungsteam gehören Chirurginnen und Chirurgen, Psychologinnen und Psychologen, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechniker. Darüber hinaus begleiten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Karriereberaterinnen und -berater sowie Selbsthilfe- und Unterstützungsgruppen den gesamten Rehabilitationsprozess.
Gemeinsam entwickeln wir mit den Betroffenen einen individuellen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben und planen die konkreten Schritte dorthin. Manchmal bedeutet das, beim ersten Lebenslauf zu helfen, Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern zu vermitteln oder Unterstützung bei der Beantragung eines Gründungszuschusses für ein eigenes Unternehmen zu leisten.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Begleitung der Angehörigen. Häufig müssen auch Familien lernen, die neue Realität anzunehmen und die veränderte Rolle ihres verletzten Familienmitglieds zu verstehen und mitzutragen.
Unsere Arbeit ist daher ausgesprochen ganzheitlich. Das Superhumans Medical Center hat seine Mission inzwischen weit über die medizinische Versorgung hinaus erweitert. Heute bieten wir neben der Behandlung ein breites Spektrum sozialer Unterstützungsangebote an, die unseren Patientinnen und Patienten helfen, sich wieder vollständig in die Gesellschaft zu integrieren und nach ihrer Verletzung in ein aktives, selbstbestimmtes Leben zurückzukehren.
Sie verfügen inzwischen über umfangreiche Erfahrungen aus Ihrer Arbeit im Zentrum. Wie erleben Sie Inklusion in der Praxis? Die Theorie ist das eine – doch die Ukraine steht heute vor einer neuen Realität, auf die wir uns schon jetzt einstellen müssen. Was macht Ihrer Meinung nach eine gelungene Inklusion aus, die auf Respekt gegenüber Menschen basiert, die besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung benötigen?
Inklusion ist ein sehr weit gefasster Begriff. Zunächst geht es um den physischen Raum und um Barrierefreiheit. Städte, öffentliche Einrichtungen, Verkehrsmittel sowie soziale und öffentliche Dienstleistungen müssen so gestaltet sein, dass Menschen mit Verletzungen oder Behinderungen sie ohne zusätzliche Hürden nutzen können.
Doch Inklusion beschränkt sich nicht auf Architektur oder Infrastruktur. Sie bedeutet ebenso, Menschen in die Gesellschaft einzubeziehen – am Arbeitsplatz, in der Bildung, im Alltag und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und genau das ist vermutlich die größere Herausforderung.
Die Ukraine lernt derzeit, mit einer neuen Realität zu leben. Wir müssen die Bedürfnisse von Menschen mit Hör-, Seh- oder Mobilitätseinschränkungen stärker berücksichtigen. Zu ihnen gehören Veteraninnen und Veteranen, aktive Soldatinnen und Soldaten, Zivilistinnen und Zivilisten sowie Kinder, die infolge des Krieges eine Behinderung erlitten haben. Deshalb besteht unsere gemeinsame Aufgabe darin, einen natürlichen, respektvollen und vorurteilsfreien Umgang miteinander zu entwickeln.
Ebenso wichtig ist, dass niemand ausschließlich über seine Behinderung definiert wird. Hinter jeder Geschichte steht ein Mensch mit einer eigenen Biografie, mit Wünschen, Fähigkeiten und Zukunftsplänen. Deshalb beginnt Inklusion mit der Kultur des Miteinanders – mit der Fähigkeit, im Gegenüber zuerst den Menschen zu sehen.
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn dieser Wandel leicht und selbstverständlich gelänge. Doch er erfordert Zeit und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Staatliche Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Unternehmen, medizinische Einrichtungen und nicht zuletzt die Betroffenen selbst tragen heute dazu bei, indem sie offen über ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und ihre Vorstellungen einer zukünftigen Ukraine sprechen.
Ich bin überzeugt, dass wir Schritt für Schritt zu einer Gesellschaft gelangen werden, in der Inklusion keine besondere politische Maßnahme oder ein eigenes Programm mehr ist, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil unseres täglichen Zusammenlebens. Bis dahin braucht es jedoch Engagement, Ausdauer und gemeinsame Verantwortung. Denn Inklusion ist kein einzelnes Projekt, sondern ein umfassender gesellschaftlicher Prozess, den wir alle gemeinsam gestalten.
Unter all den Schicksalen, denen Sie im Zentrum begegnen – gibt es Geschichten, die Sie besonders berührt haben?
Davon gibt es sehr viele, und jede einzelne ist auf ihre Weise besonders. Erst heute haben wir zwei Brüder, Artem und Anatolij, aus dem Zentrum entlassen. Sie wurden bei einem russischen Angriff auf Cherson schwer verletzt. Ihre Mutter war gerade auf dem Weg, die beiden zum Schachunterricht zu bringen – sie war damals mit ihrem dritten Kind schwanger. Einer der Jungen verlor einen Fuß, der jüngere ein Bein; sein zweites Bein wurde ebenfalls schwer verletzt.
Während ihrer Rehabilitation kam das dritte Kind der Familie zur Welt. Heute können wir die beiden nach Hause entlassen – sie stehen wieder auf ihren eigenen Beinen. Nach Cherson kann die Familie allerdings nicht zurückkehren und muss sich in einer anderen Stadt ein völlig neues Leben aufbauen. Trotzdem bezeichnet sie ihre Geschichte selbst als eine Erfolgsgeschichte. Sie haben überlebt, hochwertige medizinische Hilfe erhalten, einen langen und schwierigen Rehabilitationsweg bewältigt und können nun wieder in die Zukunft blicken. Für uns ist das ein enorm wichtiger Erfolg.
Mich beeindruckt auch die Geschichte von Denys. Nach einer schweren Kriegsverletzung musste er eine beidseitige hohe Beinamputation sowie eine Armamputation verkraften. Während seiner Behandlung im Ausland sagte man ihm, dass er niemals wieder würde gehen können. Heute gehört Denys zum Team von Superhumans. Er testet Prothesen, führt ein selbstständiges Leben und bewegt sich sogar ohne Gehstock fort. Seine Entwicklung hat selbst jene Ärztinnen und Ärzte beeindruckt, die seine Möglichkeiten einst bezweifelt hatten – später entschuldigten sie sich bei ihm für ihre Prognosen.
Eine weitere Geschichte handelt von einem Patienten mit einer beidseitigen hohen Beinamputation. Vor seiner Verletzung war Schwimmen für ihn kein Thema. Während der Rehabilitation setzte er sich jedoch ein neues Ziel: Er wollte sein Leben nicht ständig in ein „Davor“ und „Danach“ aufteilen, sondern etwas erreichen, das er zuvor nie getan hatte. In wenigen Wochen möchte er einen italienischen See im Freiwasser durchschwimmen. Seine gesamte Rehabilitation richtete er konsequent auf dieses Ziel aus.
Genau solche Geschichten zeigen, zu welcher Stärke Menschen fähig sind. Sie geben nicht nur uns Kraft, sondern auch anderen Patientinnen und Patienten Hoffnung. Und das Wertvollste daran ist, dass wir solche Beispiele nahezu jede Woche erleben. Jede Entlassung aus unserem Zentrum erzählt eine neue Geschichte von Mut, Ausdauer und der Rückkehr ins Leben.
Prinz Harry ist inzwischen zu einem engen Freund Ihres Zentrums geworden. Welche Eindrücke nahm er bei seinem ersten Besuch in der Ukraine von Superhumans mit?
Sein erster Besuch war tatsächlich etwas Besonderes. Prinz Harry wollte das Zentrum unbedingt mit eigenen Augen sehen, denn es gehört zu den wenigen Rehabilitationseinrichtungen dieser Größenordnung, die in einem Land entstanden sind und arbeiten, das sich mitten in einem groß angelegten Krieg befindet.
Er erzählte uns, dass er im Laufe seiner Arbeit viele Rehabilitationszentren in verschiedenen Ländern besucht habe. Ein Zentrum, das unter solch außergewöhnlichen Bedingungen aufgebaut wurde und dennoch auf diesem Niveau arbeitet, habe er jedoch noch nie gesehen.
Beeindruckt haben ihn nicht nur das Zentrum selbst, die hohe Qualität der medizinischen Versorgung und die professionelle Organisation, sondern vor allem die Menschen, denen er hier begegnete. Den stärksten Eindruck hinterließen unsere Patientinnen und Patienten – ihre Widerstandskraft, ihr Optimismus und ihr unerschütterlicher Wille, in ein selbstbestimmtes Leben zurückzukehren.
Er sprach immer wieder davon, wie groß die innere Stärke der Ukrainerinnen und Ukrainer sei, wie sie selbst schwerste Prüfungen bewältigten und dabei den Glauben an die Zukunft nicht verlören.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Prinz Harry seit seinem ersten Besuch mehrfach in die Ukraine zurückgekehrt ist. Wir pflegen bis heute einen herzlichen Kontakt, und ich bin überzeugt, dass dies nicht seine letzte Reise gewesen sein wird. Für ihn sind die Ukrainerinnen und Ukrainer zu einem Sinnbild für Mut und Resilienz geworden, und Superhumans steht für die Fähigkeit, selbst unter den Bedingungen eines Krieges Institutionen von internationalem Niveau aufzubauen.
Seine Aufmerksamkeit und Unterstützung bedeuten uns sehr viel. Besonders wichtig ist für uns, dass er das Zentrum nicht nur besucht hat, sondern sich auch weiterhin für unsere Arbeit interessiert und der Ukraine sowie den vom Krieg betroffenen Menschen eng verbunden bleibt.
Wie sehen Sie die Ukraine nach dem Krieg im Hinblick auf Inklusion und Barrierefreiheit? Wird es uns gelingen, die Folgen des Krieges nicht nur zu bewältigen, sondern in diesem Bereich auch zu einem Vorbild für andere Länder zu werden?
Davon bin ich überzeugt. Mehr noch: In gewisser Weise sind wir bereits dabei, ein solches Vorbild zu werden. Die Ukraine macht derzeit eine außerordentlich schwierige Erfahrung durch und entwickelt gleichzeitig einzigartige Ansätze in den Bereichen Rehabilitation, psychologische Unterstützung, Prothetik und soziale Reintegration von Menschen, die vom Krieg betroffen sind.
Natürlich vollziehen sich solche Veränderungen nicht von heute auf morgen. Als Gesellschaft befinden wir uns in einem tiefgreifenden Lernprozess. Wir beginnen, die Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen neu wahrzunehmen und sie bei der Gestaltung unserer Städte, Gemeinden sowie unserer Bildungs- und Sozialsysteme mitzudenken. Das braucht Zeit, Ressourcen und das gemeinsame Engagement vieler Akteurinnen und Akteure.
Ich bin jedoch überzeugt, dass gerade diejenigen Menschen, die Verletzungen, Rehabilitation und den Weg zurück in ein aktives Leben selbst erlebt haben, zu den wichtigsten Motoren dieses Wandels werden. Unsere Patientinnen und Patienten zeigen schon heute Führungsstärke, Verantwortungsbewusstsein und den Willen, die Zukunft unseres Landes aktiv mitzugestalten. Viele kehren in ihren Beruf zurück, gründen eigene Projekte, engagieren sich gesellschaftlich und werden zu wichtigen Stimmen des Wandels in ihren Gemeinden.
Genau deshalb verstehen wir unsere Aufgabe nicht allein als medizinische Versorgung. Sozialberatung, psychologische Begleitung, Karriereberatung und die Unterstützung bei der Suche nach neuen Perspektiven sollen den Menschen nicht nur helfen, sich zu erholen, sondern sie dazu befähigen, selbst aktive Gestalterinnen und Gestalter des gesellschaftlichen Wiederaufbaus zu werden.
Sie sprechen täglich mit Ihren Patientinnen und Patienten. Sicher haben Sie oft Verzweiflung erlebt – jene Momente, in denen Menschen glauben, ihr Leben werde nie wieder so sein wie früher. Wie gelingt es Ihrem Team, ihnen neue Hoffnung und den Mut zum Weiterleben zu geben?
Zunächst einmal sprechen wir offen und ehrlich mit den Menschen. Ja – das Leben wird nie wieder so sein wie vor der Verletzung. Diese Realität muss angenommen werden. Gleichzeitig sagen wir aber auch etwas anderes: Das Leben ist nicht vorbei. Es wird anders sein. Und sehr oft kann dieses andere Leben genauso erfüllend, erfolgreich und glücklich sein wie das frühere.
Wer eine schwere Verletzung erlitten hat, durchläuft einen tiefgreifenden Veränderungsprozess. Wir sprechen häufig von posttraumatischem Wachstum – von der Fähigkeit, nach einer traumatischen Erfahrung nicht nur wieder auf die Beine zu kommen, sondern neue Stärken, neue Ziele und einen neuen Sinn im Leben zu entdecken.
Niemand kann diesen Weg allein gehen. Deshalb begleitet unsere Patientinnen und Patienten ein interdisziplinäres Team aus Psychologinnen und Psychologen, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechnikern, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie weiteren Fachkräften. Ebenso unverzichtbar ist die Unterstützung durch Familie und das persönliche Umfeld.
Es gibt jedoch noch einen weiteren, ganz entscheidenden Faktor: die Kraft des Vorbilds. In unserem Zentrum befinden sich viele Menschen gleichzeitig in unterschiedlichen Phasen ihrer Rehabilitation. Wer gerade erst nach einer Verletzung zu uns kommt, begegnet anderen mit einer ähnlichen Diagnose, die bereits einige Monate weiter sind – Menschen, die ihre ersten Schritte machen, wieder Sport treiben, arbeiten oder in ein aktives Leben zurückgefunden haben.
Und genau in diesem Moment entsteht ein entscheidender Gedanke: Wenn er es geschafft hat, dann kann ich es auch schaffen.
Diese Dynamik innerhalb der Gemeinschaft wird oft zu einer enormen Quelle der Motivation. Die Patientinnen und Patienten unterstützen einander, machen sich gegenseitig Mut und gehen den Weg der Rehabilitation gemeinsam. Der Erfolg des einen wird zur Hoffnung des anderen.
Deshalb würde ich sagen, dass unsere Arbeit auf zwei tragenden Säulen beruht. Die erste ist die professionelle Begleitung durch unser multidisziplinäres Team. Die zweite ist die Gemeinschaft von Menschen, die mit ihrem eigenen Leben bereits bewiesen haben, dass selbst nach den schwersten Prüfungen eine Rückkehr in ein aktives und erfülltes Leben möglich ist.
Wenn jemand Tag für Tag Dutzende solcher Geschichten erlebt, beginnt er irgendwann selbst daran zu glauben, dass auch für ihn ein Neuanfang möglich ist. Und sehr oft beginnt genau mit diesem Glauben die eigentliche Heilung.
Ich hoffe sehr, dass die Ukraine nach ihrem Sieg zu einem Land wird, in dem Barrierefreiheit und Zugänglichkeit keine Ausnahme, sondern selbstverständlich sind. Zu einem Land, in dem jeder Mensch – unabhängig von seinen Lebensumständen – die Möglichkeit erhält, sein Potenzial zu entfalten. Und ich bin überzeugt, dass die Erfahrungen, die wir heute sammeln, künftig vielen anderen Staaten als wertvolles Vorbild dienen werden.




