Viktoria Vitrenko: Inklusion ist kein Ziel, sondern ein fortlaufender Prozess

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Viktoria, Du arbeitest an der Schnittstelle von Kunst und gesellschaftlichem Engagement und verbindest in deiner Arbeit Themen wie Teilhabe, Gender, Migration, Kunst und Körper. Was ist Inklusion für dich persönlich? 

InterAKT haben wir 2017 gegründet. Wir waren damals zwei Musikerinnen und hatten das Gefühl, dass es zu wenig Austausch zwischen den Künsten und anderen Disziplinen gibt. Uns hat interessiert, wie man gesellschaftlich und politisch relevante Themen auf einer künstlerischen Ebene diskutieren kann. Deshalb haben wir uns von Anfang an interdisziplinär aufgestellt.

Aus diesen sozialpolitischen Fragestellungen sind wir mit der Zeit ganz organisch zum Thema Teilhabe gekommen. Inklusion ist dabei kein zusätzliches Thema, das man einfach irgendwo anhängt. Wenn man sich ernsthaft mit gesellschaftlicher Teilhabe beschäftigt, landet man automatisch bei der Frage: Wie können möglichst viele Menschen gleichberechtigt teilhaben? Und genau dort wird es spannend. Denn ist das überhaupt möglich?

Wir haben uns über viele Jahre weitergebildet, Workshops besucht und mit Institutionen wie dem Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg zusammengearbeitet. Dabei haben wir gelernt, dass vollständige Teilhabe für alle eigentlich eine Utopie ist. Nicht, weil der Wille fehlt, sondern weil Menschen sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Was für eine Person mit Sehbehinderung funktioniert, hilft einer Person mit kognitiven Einschränkungen nicht unbedingt. Was für Menschen mit Gebärdensprachdolmetschung gut zugänglich ist, passt möglicherweise nicht zu den Bedürfnissen von Menschen mit ADHS. Hinter jeder Form von Teilhabe stehen eigene Anforderungen und oft auch eigene Strukturen.

Deshalb ist Inklusion für mich kein Ziel, das man irgendwann erreicht und abhaken kann. Es ist ein fortlaufender Prozess, bei dem man immer wieder neu überlegen muss, wen man erreicht, wen man vielleicht noch nicht erreicht und welche Barrieren weiterhin bestehen.

Wie wählt ihr die Zielgruppen für eure Projekte aus?

Am Anfang jedes Projekts steht für uns die Frage: An wen richtet sich dieses Angebot überhaupt? Wir müssen die Zielgruppe sehr genau definieren, denn unterschiedliche Gruppen brauchen unterschiedliche Zugänge. Die Kommunikation für gehörlose Menschen sieht anders aus als für Jugendliche oder ältere Menschen. Deshalb überlegen wir schon in der Konzeptionsphase, wie wir die Menschen erreichen können, für die das Projekt gedacht ist.

Das klingt einfacher, als es ist. Gerade bei partizipativen Projekten ist das oft die größte Herausforderung. Man braucht Zeit, passende Partner und die richtigen Kommunikationswege. Deshalb beginnt unsere Arbeit lange vor dem eigentlichen Projektstart.

Ein gutes Beispiel ist unser aktuelles Projekt „Second Skin“. Dabei beschäftigen wir uns mit der Frage, was Kleidung über Identität aussagt und wie Teilhabe durch Mode ermöglicht werden kann. Kleidung betrifft jeden Menschen, aber nicht alle haben die gleichen Möglichkeiten. Für viele Menschen funktioniert die Modeindustrie gut, für andere überhaupt nicht – etwa für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit sensorischen oder kognitiven Einschränkungen.

Deshalb bringen wir Designer und Teilnehmende in Tandems zusammen. Gemeinsam entwickeln sie Kleidungsstücke, die individuelle Bedürfnisse und Identitäten sichtbar machen. Begleitet wird das Projekt von Workshops zu Modegeschichte, Nachhaltigkeit, adaptiver Mode und inklusivem Design. Uns interessiert dabei vor allem die Frage, wie Kleidung als Ausdruck von Persönlichkeit und Teilhabe funktionieren kann.



Welche gesellschaftlichen Gruppen sind noch übersehen? Was fehlt noch im Kulturbereich?

Vor einigen Jahren hätte ich wahrscheinlich Jugendliche genannt. Inzwischen gibt es aber viele Programme und Förderstrukturen, die sich gezielt an junge Menschen richten und sie dabei unterstützen, eigene kulturelle Projekte umzusetzen.

Ein Thema, das meiner Wahrnehmung nach erst langsam mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist das Älterwerden. Ich sehe zunehmend künstlerische Projekte, die sich mit dem Thema Aging beschäftigen und ältere Menschen nicht nur als Publikum, sondern auch als aktive Mitwirkende einbeziehen.

Persönlich habe ich bisher noch zu wenig Berührungspunkte mit dem Bereich Kinder und kulturelle Teilhabe gehabt. Vielleicht beschäftigt mich das auch zunehmend durch meine eigene Familiengeschichte. Dort sehe ich viele offene Fragen: Wie gestalten wir kulturelle Angebote wirklich kindgerecht? Wie schaffen wir Räume für Teilhabe, ohne Kindern zu wenig oder zu viel zuzumuten?

Gerade in der zeitgenössischen Kunst finde ich diese Fragen spannend. Was bedeutet kulturelle Teilhabe für Kinder? Welche Formen von Kunst sind zugänglich? Und wie viel Experiment dürfen wir ihnen zutrauen? Das sind Themen, die mich aktuell besonders interessieren.

Du arbeitest sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine. Welche Unterschiede beobachtest du beim Thema Inklusion und Teilhabe – und gibt es Bereiche, in denen Deutschland heute vielleicht sogar von der Ukraine lernen kann?

Du, also nächste Frage, die jetzt in diesem Zusammenhang, also wir haben ja auch die Frage, Der Hintergrund, vor dem diese Entwicklung stattfindet, ist natürlich furchtbar. Deshalb fällt es mir schwer, darüber positiv zu sprechen. Aber ich sehe eine gesellschaftliche Veränderung, die sehr organisch entsteht.

Durch den Krieg stellt sich die Frage nach Teilhabe und Inklusion in der Ukraine mit einer neuen Dringlichkeit. Es gibt viele Veteran und Kriegsopfer, viele junge Menschen, denen Gliedmaßen fehlen oder die mit den Folgen schwerer Verletzungen leben müssen. Als Gesellschaft müssen wir uns fragen: Wie können wir diese Menschen wieder selbstverständlich in unser gemeinsames Leben einbeziehen?

Dabei spielen Kunst und Kultur eine wichtige Rolle. Sie können Räume für Begegnungen schaffen und Menschen sichtbar machen. Sie geben jenen eine Stimme, deren Erfahrungen sonst oft übersehen werden. Kunst kann zwar politische Entscheidungen nicht ersetzen, aber sie kann zeigen, wo Lücken bestehen und welche Veränderungen notwendig sind.

In diesem Sinne glaube ich tatsächlich, dass Deutschland heute auch etwas von der Ukraine lernen kann. Inklusion wird bei uns nicht mehr als abstraktes Konzept diskutiert. Sie ist Teil unserer Realität geworden. Es geht nicht um fremde Menschen, sondern um Freund, Familienmitglieder, Nachbar und Kolleg, die mit den Folgen des Krieges leben. Diese Menschen gehören selbstverständlich zu unserer Gesellschaft, und wir tragen gemeinsam die Verantwortung, die entsprechenden Strukturen zu schaffen.