ESC 2026: Sind wir immer noch united by music?
Margarita, bist du beim Eurovision Song Contest Volunteer oder offiziell angestellt?
Ich bin Volunteer. Viele denken, dass man sich dafür einfach anmeldet und dann mitarbeitet – tatsächlich war das Auswahlverfahren aber überraschend anspruchsvoll.
Alles begann bereits im Januar mit einer Onlinebewerbung. Dafür musste ich drei Videos aufnehmen: zwei auf Deutsch und eines auf Englisch. Darin sollte ich erzählen, wer ich bin, welche Erfahrungen ich mitbringe, welche Sprachen ich spreche und warum ich unbedingt Teil des Eurovision Song Contest werden möchte.
Danach musste ich fast einen Monat auf eine Rückmeldung warten. Ehrlich gesagt hatte ich schon befürchtet, dass gar keine Antwort mehr kommt. Umso größer war die Freude, als die Einladung zum persönlichen Casting kam.
Wie lief dieses Casting ab?
Es bestand aus mehreren Etappen. Zunächst sollte ich erzählen, welche persönliche Bedeutung Eurovision für mich hat. Das fiel mir leicht, weil mich der Wettbewerb eigentlich schon mein ganzes Leben begleitet.
Danach wurden auch politische Fragen gestellt – unter anderem, wie ich den Boykott einiger Länder bewerte. Das war sicher kein Zufall. Ich hatte den Eindruck, dass dabei auch getestet wurde, wie diplomatisch man mit sensiblen Themen umgehen kann. Ich habe bewusst möglichst neutral geantwortet.
Im letzten Teil ging es dann um ganz praktische Dinge: Wann bin ich verfügbar? Wie flexibel bin ich? Auf dieser Grundlage wurde später entschieden, welche Aufgabe am besten zu mir passt.
Und das alles ehrenamtlich?
Ja, komplett.
Natürlich bekommt man kein Gehalt. Trotzdem fühlt es sich keineswegs so an, als würde man leer ausgehen. Wir werden verpflegt, erhalten kostenlose Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr und – was wirklich außergewöhnlich ist – Tickets für alle Shows.
Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich hatte mir vorsorglich schon im Januar selbst Eintrittskarten gekauft, weil Volunteer-Tickets normalerweise nicht garantiert sind. Unsere Koordinatoren waren aber unglaublich großzügig und haben uns schließlich für sämtliche Shows Karten organisiert. Allein dadurch habe ich rund 400 Euro gespart.
Deshalb kann ich wirklich nicht klagen. Ich wusste genau, worauf ich mich einlasse.
Ist das dein erstes Eurovision-Erlebnis als Volunteer?
Ja. Allerdings habe ich mich insgesamt fünf Jahre hintereinander beworben.
Fünf Jahre?
Ja.
Nachdem Måneskin für Italien gewonnen hatte, bewarb ich mich sofort für Turin. Damals wurde ich abgelehnt, weil Ortskenntnisse verlangt wurden. Ich hatte ehrlich angegeben, dass ich Turin noch nicht kenne, aber bereit wäre, früher anzureisen und mich einzuarbeiten. Das reichte leider nicht.
Für die Austragung in der Schweiz fehlte mir wiederum die notwendige Sozialversicherungsnummer.
Als Österreich schließlich gewann, nahm ich mir fest vor: Beim nächsten Eurovision Song Contest werde ich dabei sein – egal ob als Zuschauerin oder als Volunteer. Insgeheim war mein Wunsch aber immer die Arbeit hinter den Kulissen.
— Worin besteht eigentlich die Aufgabe eines Delegation Hosts?
— Ehrlich gesagt ist sie viel umfangreicher, als man von außen vermutet. Wir sind die ersten Ansprechpartner für die Delegationen – praktisch bei allen Fragen. Wir empfangen die Teams, helfen ihnen, sich zurechtzufinden, begleiten sie zu Proben und Veranstaltungen und fungieren als Bindeglied zwischen den Delegationen und dem Organisationsteam.
Während des gesamten Wettbewerbs stehen wir den Teams zur Seite und kümmern uns sowohl um organisatorische als auch um alltägliche Anliegen. Unser Ziel ist es, den Delegationen den Rücken freizuhalten, damit sie sich ganz auf ihren Auftritt konzentrieren können.
— Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
— Sehr intensiv. Meist beginnt der Tag früh am Morgen und endet erst spät nach den Proben oder den Liveshows. Man muss ständig erreichbar sein, weil sich der Zeitplan jederzeit ändern kann.
Gerade das macht die Arbeit aber auch spannend. Jeden Tag begegnet man Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und hat das Gefühl, Teil eines großen internationalen Teams zu sein.
— Für das Publikum wirkt der Eurovision Song Contest wie ein einziges großes Fest. Ist das hinter den Kulissen genauso?
— Die Atmosphäre ist tatsächlich großartig, aber gleichzeitig steckt unglaublich viel professionelle Arbeit dahinter. Hinter jedem dreiminütigen Auftritt stehen Hunderte Menschen, die dafür sorgen, dass alles reibungslos funktioniert.
Als Zuschauer ahnt man kaum, wie viele Abläufe gleichzeitig im Hintergrund koordiniert werden. Alles ist bis ins kleinste Detail geplant, und jeder kennt seine Aufgabe. Genau das hat mich am meisten beeindruckt.
— Hattest du Gelegenheit, die Künstlerinnen und Künstler kennenzulernen?
— Ja, obwohl das natürlich nicht der eigentliche Zweck unserer Arbeit ist. Wir sind dort, um die Delegationen zu unterstützen.
Trotzdem ergeben sich immer wieder besondere Begegnungen. Was mich besonders überrascht hat: Die meisten Künstler sind unglaublich freundlich und bodenständig. Hinter den Kulissen gibt es kaum Berührungsängste. Man grüßt sich, unterhält sich kurz und bedankt sich gegenseitig für die Unterstützung. Das schafft eine sehr angenehme Atmosphäre.
— Was hat dich am meisten überrascht?
— Vor allem die Dimensionen des gesamten Projekts. Natürlich wusste ich vorher, dass der Eurovision Song Contest eine riesige Produktion ist. Aber erst vor Ort wird einem bewusst, wie viele Menschen daran beteiligt sind, damit Millionen Zuschauer am Ende eine perfekte Show erleben.
Außerdem hat mich beeindruckt, wie wertschätzend die Volunteers behandelt werden. Wir sind nicht einfach nur Helfer – wir werden als Teil des Teams wahrgenommen. Das motiviert ungemein.
— Würdest du dich noch einmal als Volunteer bewerben?
— Sofort.
Wenn ich noch einmal die Möglichkeit hätte, würde ich ohne zu zögern zusagen. Es ist eine Erfahrung, die sich kaum mit etwas anderem vergleichen lässt.
Natürlich ist die Arbeit anstrengend. Man hat kaum Freizeit und ist oft erschöpft. Aber all das gerät in den Hintergrund, wenn man merkt, dass man Teil einer Veranstaltung ist, die Millionen Menschen auf der ganzen Welt begeistert.
— Hat sich dein Blick auf den Eurovision Song Contest verändert?
— Absolut. Früher habe ich den Wettbewerb vor allem als Fernsehshow gesehen. Heute weiß ich, wie viel Arbeit hinter jeder Probe, jeder Livesendung und jedem einzelnen Auftritt steckt.
Seit diesem Erlebnis werde ich den Eurovision Song Contest mit ganz anderen Augen sehen.
— Welcher Moment war für dich der emotionalste?
— Wahrscheinlich der Augenblick, in dem mir klar wurde: Ich bin wirklich hier.
Ich hatte mich fünf Jahre lang immer wieder beworben und nie aufgegeben. Und plötzlich stand ich hinter den Kulissen, sah die Künstler an mir vorbeigehen und wusste: Mein Traum ist Wirklichkeit geworden.
Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen.
— Gab es auch Momente, in denen du großen Respekt vor der Verantwortung hattest?
— Natürlich. Als Delegation Host trägt man Verantwortung – nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Organisationsteam. Die Delegationen verlassen sich darauf, dass man schnell Lösungen findet und in jeder Situation den Überblick behält.
Gerade dadurch lernt man aber unglaublich viel. Man wächst an den Aufgaben, lernt, unter Druck ruhig zu bleiben, flexibel zu reagieren und mit Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammenzuarbeiten.
— Welchen Rat würdest du Menschen geben, die ebenfalls Volunteer beim Eurovision Song Contest werden möchten?
— Vor allem: Habt keine Angst, euch zu bewerben.
Auch wenn es beim ersten Mal nicht klappt, solltet ihr nicht aufgeben. Ich selbst habe mich fünf Jahre lang beworben, bevor ich endlich dabei sein durfte.
Außerdem sind Sprachkenntnisse ein großer Vorteil. Je mehr Sprachen man spricht, desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich.
Und schließlich sollte man offen auf Menschen zugehen. Wer gerne in einem internationalen Umfeld arbeitet und Freude daran hat, anderen zu helfen, wird diese Erfahrung nie vergessen.
— Was ging dir durch den Kopf, als der Wettbewerb zu Ende war?
— Vor allem, wie schnell alles vorbei war.
Am Anfang hat man das Gefühl, dass noch unendlich viel Zeit vor einem liegt. Doch plötzlich ist das Finale vorbei und man fragt sich, wo die letzten Wochen geblieben sind.
Am Ende bleibt vor allem Dankbarkeit – für die Menschen, die ich kennenlernen durfte, für die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, und dafür, dass ich Teil dieses einzigartigen Projekts sein durfte.
— Und zum Schluss: Was bedeutet der Eurovision Song Contest heute für dich?
— Für mich ist er längst mehr als ein Musikwettbewerb.
Er bringt Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen zusammen und zeigt, wie viel uns trotz aller Unterschiede verbindet.
Vor allem aber erinnert mich diese Erfahrung daran, dass man seine Träume nicht aufgeben sollte. Manchmal braucht es mehrere Anläufe. Aber wenn man dranbleibt, kann aus einem lang gehegten Wunsch irgendwann Realität werden.
Схожі статті
Pavlo Hudimov: «Die Ukraine ist ein ressourcenreiches Land, aber wir haben noch nicht gelernt, uns zu präsentieren»
In welchem Moment wurde Ihnen klar, dass Sie Ihr Leben mit Kultur und Kunst verbinden wollen? Wenn ich davon spreche, wie ich mich innerlich fühle, dann ist diese Identität durch die Kunst bereits in meiner Kindheit erwacht. Alles begann mit den Interessen meiner...
„Ruthenia“: Eine Schriftart als Symbol ukrainischer Identität!
In diesem Jahr habe ich auf der Frankfurter Buchmesse zum ersten Mal von der Schrift „Ruthenia“ erfahren. Diese von Wassyl Tschebanyk entwickelte Schriftart wurde am ukrainischen Stand vom Verlag „Adef-Knyga“ präsentiert. Die Buchstaben von „Ruthenia“ sind nicht nur...
Echo dieser Tage
Die Idee des Kunstprojekts „Echo dieser Tage“ — interaktive Installation von InterAKT Initiative mit den Palmen von Sophia Sadzakov, den Geschichten von Kseniya Fuchs und der Musik von Oleksandr Chornyi sowie den Bildern der fünf ukrainischen Fotograf:innen Serhii...






